Doch haftet bei einem Auffahrunfall wirklich immer nur der Hintermann oder gibt es Fälle, in denen der Vordermann die Kollision zumindest mitverschuldet hat?

„Wer auffährt, hat Schuld“ – gilt nicht immer

Wurde man in einen Unfall verwickelt, muss natürlich zunächst die Schuldfrage geklärt werden. Denn nur der Unfallverursacher muss Schadenersatz und evtl. Schmerzensgeld zahlen. Bei einem Auffahrunfall wird in diesem Zusammenhang meistens der sogenannte Anscheinsbeweis angewendet. Danach wird vermutet, dass es zu dem Zusammenstoß nur deshalb kam, weil der Hintermann typischerweise „geschlafen“ hat, zu schnell unterwegs war, den nötigen Sicherheitsabstand unterschritten oder das Sichtfahrgebot nicht eingehalten hat. Auch juristische Laien fassen diesen Grundsatz gerne unter: „Wer auffährt, hat Schuld“, oder: „Wenn’s hinten kracht, gibt’s vorne Geld!“ zusammen.
Doch auch hier gilt: keine Regel ohne Ausnahme – denn der Anscheinsbeweis kann widerlegt werden. Dann muss aber der Hintermann beweisen, dass nicht er die Kollision herbeigeführt hat, sondern (auch) der Vordermann. Es muss also eine atypische Unfallursache vorliegen, für die der Hintermann nichts kann.

Vorsicht vor dem Hund, der Katze, dem Eichhörnchen …

Die meisten Autofahrer treten zumeist auch für kleine Vögel oder Eichhörnchen ganz intuitiv aufs Bremspedal. Allerdings dürfen Verkehrsteilnehmer nach § 4 I 2 StVO (Straßenverkehrsordnung) nicht ohne zwingenden Grund in die Eisen steigen. Ein solcher liegt aber nur vor, wenn Menschen oder bedeutende Sachwerte gefährdet sind. Außerdem muss der Autofahrer vor dem Bremsmanöver durch einen Blick in den Rückspiegel sicherstellen, dass der nachfolgende Verkehr dabei nicht in Gefahr gerät.

Das bedeutet: Rennt ein Mensch, z. B. ein spielendes Kind, auf die Straße, muss man unbedingt bremsen. Fährt der Hintermann dann auf, wird ihm wohl die alleinige Schuld am Unfall gegeben werden, da der Vordermann einen zwingenden Bremsgrund hatte. Befindet sich dagegen „nur“ ein Eichhörnchen oder eine Taube auf der Fahrbahn, darf man nicht bremsen, wenn der Hintermann dichter aufgefahren ist und womöglich nicht mehr rechtzeitig auf das vor ihm stattfindende Bremsmanöver reagieren könnte. Anderenfalls wird der Vordermann in der Regel zumindest in Höhe der Betriebsgefahr seines Autos – das sind ca. 25 Prozent – mithaften (AG München, Urteil v. 25.02.2014, Az.: 331 C 16026/13). In diesem Verhalten ist schließlich eine atypische Unfallursache bei einem Auffahrunfall zu sehen – der Anscheinsbeweis kann hiermit widerlegt werden. Sofern allerdings der Sicherheitsabstand zwischen den Fahrzeugen groß genug ist, darf man auch für kleinere Tiere, z. B Igel oder Katzen, bremsen.

Wie hoch die Haftung des Tierfreundes tatsächlich ausfällt, ist jedoch von verschiedenen Faktoren abhängig. Maßgeblich ist hierbei unter anderem die Größe des Tieres, ob eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer bestand oder ob mit dem Auftauchen des Tieres gerechnet werden musste. So muss man z. B. auf dem Land eher mit frei laufenden Katzen oder Wildwechsel rechnen. Häufig werden Fahrzeugführer auch mittels Verkehrsschild darauf aufmerksam gemacht, dass freilaufende Tiere regelmäßig die Fahrbahn überqueren. Auch kann ein Schäferhund, der nicht angeleint ist und auf die Straße springt, einen zwingenden Grund zum Abbremsen darstellen – und zwar nicht nur wegen seiner Größe. Vielmehr besteht die Möglichkeit, dass Herrchen bzw. Frauchen dem tierischen Begleiter aus Sorge hinterherrennt und ebenfalls von einem Auto erfasst wird. Der bremsende Vordermann haftet dann im Fall eines Auffahrunfalls nicht (AG Düsseldorf, Urteil v. 24.08.2007, Az.: 30 C 7132/07).

Plötzliche Bremsmanöver sind gefährlich

Bremst der Vordermann plötzlich und ohne triftigen Grund, trifft ihn ausnahmslos zumindest ein Mitverschulden an einem Auffahrunfall. Denn grundloses Bremsen werten Gerichte als ein sehr gefährliches Fahrmanöver – man riskiert dabei sowohl sein eigenes Leben als auch das der nachfolgenden Autofahrer, vgl. § 1 II StVO. Der Anscheinsbeweis zulasten des Hintermanns greift hierbei nicht, weshalb der Vordermann bei einem Auffahrunfall zu etwa 30 Prozent mithaftet. Eine sogar alleinige Haftung des Vordermanns wird unter anderem bei Fahrfehlern angenommen, z. B. wenn man an einer Ampel „aus Versehen“ das Gaspedal mit dem Bremspedal verwechselt und plötzlich radikal abbremst. Damit müssen die nachfolgenden Verkehrsteilnehmer schließlich nicht rechnen; außerdem ist der Sicherheitsabstand an einer Ampel in der Regel geringer als beim fließenden Verkehr (LG München I, Urteil v. 15.09.2005, Az.: 19 S 7938/05).

Autorin: Sandra Voigt – Assessorin und Redakteurin – Juristische Redaktion anwalt.de services AG

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