Zwar gibt es immer wieder Rufe nach einem Tauglichkeitstest für ältere Verkehrsteilnehmer, doch auch Experten raten davon ab, Senioren pauschal den Führerschein abzunehmen.

Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung

Sobald in den Nachrichten ein Unfall auftaucht, der von einem Rentner hinter dem Steuer verursacht wurde, kommt die Diskussion wieder auf: Sollte man Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben, in ihrer Fahrtauglichkeit überprüfen oder ihnen sogar den Führerschein abnehmen? Für die jüngeren Autofahrer ist dies leicht gesagt. Im Straßenverkehr nehmen sie Senioren am Steuer oft dadurch wahr, dass diese ihr Auto langsamer durch die Straßen lenken. Auch Albert (69) bekommt das zu spüren. „Ich werde schon mal angehupt oder junge Leute ärgern sich über mich, wenn ich etwas langsamer unterwegs bin als sie. Das weiß ich auch, dass ich zurückhaltender fahre als früher. Aber ich fahre eben langsamer, um den Überblick behalten zu können“, rechtfertigt sich der Rentner. Doch so wie Albert können Autofahrer im fortgeschrittenen Alter ihre Situation meistens richtig einschätzen. Das deutet auch die Unfallstatistik an. Demnach sind über 65-Jährige für ungefähr zehn Prozent der Unfälle im Straßenverkehr verantwortlich – obwohl sie 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen! Senioren liegen damit in der Unfallstatistik weit hinten und es sind im Gegenteil gerade Fahranfänger, die aufgrund ihrer noch nicht gut entwickelten Selbsteinschätzung die meisten Unfälle verursachen. Als eine große Gefahr für den Straßenverkehr kann man über 65-Jährige also nicht bezeichnen.

Was der Führerschein bedeutet

Nicht nur logisch, sondern auch psychologisch gesehen ist eine verpflichtende Überprüfung der Fahrtauglichkeit oder sogar der pauschale Entzug des Führerscheins nicht richtig. Schließlich ist der Führerschein für Senioren ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Albert beispielsweise braucht seinen Führerschein im Alltag: „Zum Glück kann ich auf dem Land leben. Aber die öffentlichen Verkehrsmittel hier sind nicht sehr gut. Für einen Einkauf im Baumarkt oder für Arztbesuche muss ich mit dem Auto fahren. Ich brauche den Führerschein einfach.“ Auch Maria (73) würde ihren Führerschein nur ungern abgeben. „Für mich bedeutet es ein Stück Lebensqualität, mit meinem Auto fahren zu können. Wenn ich aber merke, dass ich nicht mehr sicher bin, würde ich den Führerschein schon abgeben, natürlich. So egoistisch will ich dann auch nicht sein“, lacht Maria. „Außerdem fahre ich heute zum Beispiel nicht mehr bei Schnee oder nachts, weil ich mich dann nicht ganz sicher fühle und nachts auch nicht mehr so gut sehen kann. Schließlich will ich mich, mein Auto und vor allem keine anderen Menschen gefährden.“ So wie die 73-Jährige machen es viele Rentner. Sie schränken sich selbst freiwillig ein, ohne Zwang, aber dafür mit einer gesunden Portion Selbsteinschätzung.

Muss man den Führerschein abgeben?

Aus diesen Gründen ist man etwa auch beim ADAC strikt dagegen, Senioren pauschal den Führerschein zu entziehen oder verpflichtende Tests ab einem gewissen Alter einzuführen. Beim ADAC vertraut man dagegen in die ausgeprägte Selbsteinschätzung der Verkehrsteilnehmer. Freiwillig kann sich aber jeder, der sich im Straßenverkehr nicht mehr sicher fühlt, vom ADAC testen lassen. Einen Entzug des Führerscheins muss man dadurch nicht fürchten. Die Polizei kann nur dann eingreifen, wenn ein älterer Verkehrsteilnehmer in einen Unfall verwickelt ist, dann kann sie seine Fahrtüchtigkeit anzweifeln und eine ärztliche Untersuchung anordnen. Aber auch dann muss der Führerschein nicht zwingend weg sein. Von den Behörden wird oft die Möglichkeit genutzt, die Fahrerlaubnis einfach einzuschränken. Zum Beispiel eine Umkreisbeschränkung oder dass man wegen schlechter Augen nachts nicht mehr fahren darf. Diese Einschränkungen werden dann im Führerschein eingetragen und sind für den Fahrer verpflichtend. Eine gute Lösung, um älteren Autofahrern nicht die Selbstständigkeit zu nehmen.

Autorin: Julia Heilig, Platinnetz-Redaktion