Immer wieder liest man es: Trinkt Frau mehr als ein und Mann mehr als zwei Gläser Alkohol am Tag, gehört man zur Risikogruppe und gilt als potentiell gefährdet, alkoholabhängig zu werden. Alkohol ist ab einer solchen Menge nicht nur gesundheitsschädlich, sondern auch suchtgefährdend. Warum wird ein solches Rauschmittel von unserer Gesellschaft nicht stärker geächtet? Warum trinken zu viele Deutsche zu viel Alkohol? Warum können so viele Menschen nicht verantwortungsvoll damit umgehen und überschätzen sich regelmäßig maßlos? Könnte ein Alkoholtest nach dem Kneipenbesuch Leben retten?

Alkoholtest unnötig: Trinken und Gesellschaft

Egal ob auf der Betriebsfeier, abends in der Kneipe oder auf der Geburtstagsfete eines alten Bekannten - angeheiterte Gäste sind nicht nur geduldet, sondern oft nahezu erwünscht. So manche steife Feier wird erst durch das ein oder andere Glas Bier oder Wein so richtig locker und gesellig. Erst wenn jemand die feine Grenze zwischen "angeheitert" und "betrunken" übertritt, hört die Akzeptanz des Rausches meistens auf. Das lustige Erzählen einer für den Alltag eigentlich zu peinlichen oder pikanten Geschichte ist ja noch amüsant, doch das schimpfende Gelalle über den Volltrottel am anderen Ende der Bar findet in der Regel nicht mehr so viel Anklang beim Gegenüber. Hier ist kein Alkoholtest mehr nötig, um zu wissen: Das ist zu viel Alkohol, das ist nicht mehr amüsant, sondern peinlich. Die deutsche Trinkkultur genießt zwar Ansehen, jedoch nur bis zu einem gewissen Maß.

Pro Jahr trinkt jeder Deutsche etwa 10 Liter reinen Alkohol. Im europäischen Vergleich liegen wir damit auf Platz fünf der Trinker-Charts. Dabei ist das "Zu-viel-trinken" nicht an eine bestimmte soziale Schicht gebunden - die gesamte Gesellschaft konsumiert zu viel Alkohol. Gründe, um mal ein Glas zu trinken, gibt es viele und die werden auch genutzt. Gesellschaftliche Rituale gebrauchen das gemeinsame Trinken, etwa um das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe zu fördern. Dabei ist die Art und Weise breit gefächert - man denke nur an das Zuprosten beim gemeinsamen Essen oder regelrechte "Massenbesäufnisse" wie etwa an Karneval oder beim Oktoberfest. Auch viele emotionale Momente "erlauben" den erhöhten Alkoholkonsum: Zur Feier von Siegen im Sport, zum Bekämpfen von negativen Gefühlslagen oder beim "Mut-antrinken" vor Herausforderungen.

Diese "Gewohnheit des Trinkens" führt dazu, dass viele den Alkohol und dessen Wirkung auf sich, mittlerweile kaum noch einschätzen können. Hinzu kommt, dass Wirkung des Alkohols von vielen verschiedenen Gegebenheiten abhängt und deshalb nicht an jedem Tag die gleiche ist. Während man sich an dem einen Tag nach einer bestimmten Menge noch durchaus fit fühlt, kann das an einem anderen Tag ganz anders aussehen. Kann man überhaupt wissen, wann man sich zum Beispiel noch hinter das Steuer setzen darf und wann nicht? Oder ist vielleicht ein Alkoholtest nach dem Kneipengang eine Möglichkeit, um seine Fahrtauglichkeit zu testen?

Die Überschätzung fährt mit: Wenn der Alkoholtest positiv ist

In Deutschland liegt die Promillegrenze für Fahrtüchtigkeit bei 0,5. Wer jedoch bereits mit 0,3 Promille fährt und eine durch den Alkohol beeinträchtigte Fahrweise zeigt oder wer in einen Unfall verwickelt ist, der ohne Alkoholeinfluss hätte vermieden werden können, begeht eine Straftat und muss mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe, sieben Punkten in Flensburg und einem Fahrverbot rechnen. Alle, die in der Probezeit oder jünger als 21 Jahre sind, begehen schon ab 0,2 Promille hinter dem Steuer eine Ordnungswidrigkeit, die mit 250 Euro Strafe und zwei Punkten geahndet wird.

Etliche Test haben bewiesen, dass bereits ab 0,2 Promille das persönliche Empfinden stark beeinflusst wird und sich der Alkohol auf das Verhalten eines Menschen auswirkt. Der Widerstand gegen das Weiter-trinken lässt nach, die Konzentrationsfähigkeit wird geringer und die Koordinationsfähigkeit lässt nach. Die Neigung, sich selbst, sein Reaktionsvermögen und Aufmerksamkeit zu überschätzen, wird immer größer. Ab 0,4 Promille setzt der sogenannte "Tunnelblick" ein, der das Gesichtsfeld erheblich einschränkt und die richtige Einschätzung von Entfernungen erschwert.

Doch woher kann man wissen, bei wie viel Promille man bereits angelangt ist? Die Wirkung des Alkohols hängt von Faktoren wie dem Geschlecht, dem Alter, der Körperstatur, der Zusammensetzung des Getränks, der Trinkgeschwindigkeit, des Mageninhalts und der momentanen Verfassung ab. Eine Selbsteinschätzung zum Promille-Stand fällt da den meisten schwer. Ein zuverlässiger Alkoholtest würde den ein oder anderen vermeintlich "Trink-Festen" nach einem Abend in der Kneipe bestimmt überraschen und vielleicht sogar dazu bewegen, sein Auto doch besser stehen zu lassen. Einen Alkoholtest, nach dem Vorbild der Polizei-Testgeräte, in die man pusten muss, kann man mittlerweile in der Apotheke oder im Internet kaufen. Hier gibt es eine breite Preisspanne, verschiedene Test-Techniken und unterschiedlich zu bewertende Zuverlässigkeiten. Sowohl der ADAC als auch der TÜV haben solche Geräte für den Privatgebrauch bereits getestet und sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass ein solcher Alkoholtest ganz und gar nicht als zuverlässig gelten kann. Gerade im niedrigeren Promillebereich, der für die Entscheidung für eine Fahrtüchtigkeit entscheidend ist, liefert ein solcher Alkoholtest äußerst ungenaue Ergebnisse.

Wer also Alkohol trinken möchte, sollte das Auto lieber generell stehen lassen. Denn für Autofahrer dürfte es schwer werden, im Falle eines Unfalls zu beweisen, dass nicht die geringen Mengen Alkohol am Unfall Schuld waren. Und dann kann bereits das eine Glas Bier dazu führen, dass man den Führerschein erstmal los ist. Und das dürfte wohl den wenigsten das eine Glas Bier wert sein.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion