Die erste wirkliche Kochsendung des deutschen Fernsehens startete 1994 mit Alfred Bioleks alfredissimo. Das Konzept hieß: Kochen, kulinarische Tipps und die Vermittlung von Koch-Wissen gehen einher mit Plaudern, Unterhaltung und kurzweiligem Humor. Mittlerweile hat sich das Bild in vielen Kochsendungen gewandelt. Hektische Zubereitungen werden begleitet von leeren, möglichst schnell gesprochenen Koch-Weisheiten und möglichst viel unterhaltsamen Drumherum. "Mittlerweile gibt es fast nur noch Unterhaltungsshows, bei denen auch gekocht wird - aber keine Kochsendungen mehr, die unterhalten wollen", so Tim Mälzer einer der modernen Pop-Köche im Interview mit dem Magazin Spiegel. Hat Das perfekte Dinner und Schmeckt nicht, gibt's nicht neuen Schwung in deutsche Küchen gebracht? Konnte das Fernsehen herdmüde Fast-Food-Anhänger zum Kochen bekehren?

Das perfekte Dinner - jetzt auch jeden Abend in deutschen Küchen?

Täglich sitzen die selbst ernannten Hobbyköche zu Tausenden vor dem Fernseher und schauen zu, wie man eine Sauce Hollandaise richtig zubereitet und frischer Spinat "Sterne-mäßig" zu kochen und zu verfeinern ist. Da könnte man doch meinen, dass die Qualität der Mahlzeiten in deutschen Haushalten sich proportional zu der Masse der Kochsendungen gesteigert hat. Fehlanzeige! Laien beherrschen auch heute nur selten die Grundtechniken des Kochens - so wie etwa eine zuverlässig zarte Garung aller Fleischsorten. Zudem kochen die Deutschen nicht mehr, sondern sogar weniger als vor einigen Jahren. Und daran sind Kochsendungen wie Das perfekte Dinner oder Die Kocharena nicht gerade unschuldig. "Wir schauen Kochsendungen, um nicht mehr selbst kochen zu müssen", erklärt der Kulturwissenschaftler Robert Pfaller. "Kochen dient vielen Menschen zur Erholung." Durch die zahllosen Kochsendungen gibt es nun ausreichend Möglichkeiten, "diese Erholung an den Fernseher zu delegieren", so der Experte.

So haben also weder "Pop-Koch-Stars" wie Tim Mälzer, Jamie Oliver oder Ralf Zacherl noch fernsehfreudige Sterneköche wie Johann Lafer, Christian Rach oder Alfons Schuhbeck die Deutschen zu kulinarischen Höchstleistungen gebracht. In deutschen Esszimmern findet nicht jeden Abend das perfekte Dinner statt. Nur eine halbe Stunde pro Tag nehmen sich die deutschen für ihre Mahlzeiten, lediglich dreimal in der Woche wird gekocht - und das dann meistens am Wochenende. Immerhin werden Sendungen wie Das perfekte Dinner oder Unter Volldampf wenigstens zur Essenszeit ausgestrahlt, so dass man es sich mit seiner Tiefkühlpizza auf dem Sofa bequem machen kann.

Der falsche Eindruck: Das perfekte Dinner von Lidl?

Die Schwemme an Kochshows führte nach Einschätzung des Deutschen Köche-Verbands immerhin zu einem verbesserten Image des Berufs in der öffentlichen Wahrnehmung. Sieht der Zuschauer im Fernsehen, dass Kochen gar nicht so einfach ist wie man meinen könnte, hat er Respekt vorm Koch. Allerdings führen Kochsendungen auch dazu, dass gerade junge Leute durch die idealisierte Darstellung professioneller Köche im Fernsehen einen falschen Eindruck des Berufes erhalten. Dies wiederum hat in den letzten Jahren einen Anstieg abgebrochener Ausbildungen verursacht, bestätigt Verbandspräsident Stefan Wohlfeil.

Auf den Erfolgs-Zug der Kochsendungen à la Das perfekte Dinner oder Schuhbecks ist natürlich auch längst die Industrie aufgesprungen. Mittlerweile gibt es kaum noch einen Fernsehkoch, der nicht seine eigene Produktpalette zu verkaufen hat, keine Sendung ohne eigene Musik-CD. Außerdem führt die absolute Überreizung des Themas dazu, dass jeder Hobbykoch mittlerweile weiß, dass er zum Kochen mindestens drei verschiedene Sorten Balsamico und Olivenöl und mindestens Meersalz, Himalayasalz UND Rosensalz benötigt, um die besondere Würze zu erzielen. Gut für die Supermärkte, die noch nie so viele verschiedene Delikatessen auf einmal verkaufen konnten - noch besser für die Discounter, die ihre speziellen Gourmet-Produkte besser denn je unter das Volk bringen können. Und so entsteht der Eindruck, man könne ohne Probleme ein drei-Sterne-Menü mit den Produkten von Aldi, Lidl oder Penny zusammen köcheln - und das auch noch zu einem Spottpreis!

Was verloren geht, ist das Handwerk Kochen. Laien bauen - bildlich gesprochen - ein Haus ohne Fundament und ohne Statik. Denn das Problem der Kochsendungen ist: Der Zuschauer sieht zwar die Zutaten, er hört wie sie zubereitet werden müssen, doch was fehlt ist das elementarste beim Kochen - er schmeckt nichts! Und das ist eben das Entscheidende, denn keiner wird gut kochen können, wenn er keinen Sinn dafür hat, was gut schmeckt. Denn jedes Rezept birgt eine solche Fülle an minimalsten Variablen, dass auch bei der strengsten Befolgung des geschriebenen Wortes, das Endergebnis enttäuschen kann.

Und so scheint es, dass nach dieser doch eher ernüchternden Bilanz, Johann Lafer vermutlich der letzte Mensch ist, der noch an die pädagogische Kraft der Kochsendungen glaubt. Warum sollte er sonst von Sender zu Sender eilen, ein Interview nach dem anderen geben? Für Geld? Nein! Natürlich nicht - schließlich kann er den Menschen vor dem Bildschirm helfen: "Eine ganze Generation weiß nicht mehr, wie gekocht wird. Wir TV-Köche sind die Hüter der Überlieferung." Na dann: Guten Appetit!

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion