Mittlerweile haben über 28 Millionen Menschen verteilt über 50 Städte rund um den ganzen Globus die Ausstellung Körperwelten von Gunther von Hagens gesehen. Während die einen den Anatom und seine Wanderausstellung als revolutionär und interessant betrachten, reagieren die anderen schockiert und sehen in Körperwelten einen Verstoß gegen die Ethik. Wo liegt die Grenze zwischen aufklärendem wissenschaftlichen Interesse und skandalösem Geheische um Aufmerksamkeit?

Körperwelten und ihr wissenschaftliches Interesse

Die aktuelle Ausstellung in Köln steht unter dem Motto Körperwelten - Eine Herzenssache. Themenschwerpunkt ist das Organ Herz in allen Varianten - sowohl als Motor des Lebens als auch die symbolische Bedeutung des Herzens für Liebe, Mitgefühl, Glück und Mut. Die Ausstellung soll laut von Hagens und seiner Ausstellungskuratorin Dr. Angelina Whalley einen Einblick in die Leistung und die Belastungen des menschlichen Herzens geben und damit auch einen Beitrag zur gesundheitlichen Aufklärung der Besucher leisten. Diese sollen sich durch die Exponate bewusst darüber werden, dass sie auf ihren Körper und besonders auf das Herz achten müssen, damit es gesund bleibt. Whalley erhofft sich, das Bewusstsein der Menschen für ihren Körper verändern zu können: "Auf unser Herz, dieses lebenswichtige Organ, achten wir oft erst, wenn es erkrankt oder unter großer Belastung leidet. Ich wünsche mir, dass die Ausstellung den Besucher anregt, herzbewusster und herzgesünder zu leben." Die Körperwelten sind konzipiert als eine Selbstentdeckungsreise. Die Ausstellung führt den Besuchern ihr Innenleben vor Augen. Anhand des menschlichen Skeletts, des Aufbaus der Muskulatur oder auch der Entwicklung von Embryonen im Mutterleib werden die Organfunktionen unseres gesamten Körpers dargestellt. Durch die Genauigkeit und Authenzität der Exponate werden anschaulich alle Körperfunktionen erklärt oder etwa die Auswirkungen häufiger Erkrankungen dargestellt. Damit möchte von Hagens präventiv medizinische Aufklärung leisten. Ausgestellt ist etwa auch eine gesunde Lunge im Vergleich zu einer Raucherlunge. Durch die Konfrontation mit den Auswirkungen gesundheitsschädlichen Verhaltens sollen die Besucher über den Umgang mit ihrem Körper nachdenken. Von Hangens ist überzeugt, dass seine Körperwelten das Bewusstsein der meisten Besucher verändert: "Im Plastinat erkennen wir uns selbst, unsere Verletzlichkeit und das Wunder, das wir sind. Diese körperliche Selbsterkenntnis entfacht ein neues, auf Gesundheit bedachtes Lebensgefühl, das unsere Herzen bewegt."

Kritik an Körperwelten

Die Ausstellung menschlicher Leichen erregt nicht nur positive Faszination. Seit Beginn der Ausstellung Körperwelten 1996 melden sich immer wieder die Kritiker zu Wort, die es als nicht menschenwürdig betrachten, dass tote Körper in teilweise seltsam anmutenden oder sogar obszönen Posen in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden. In der aktuellen Ausstellung wird vor allem immer wieder das Exponat "liegender Akt", bei dem die Körper so arrangiert sind, dass sie Mann und Frau beim Geschlechtsverkehr zeigen, kritisiert. In Augsburg zum Beispiel wurde von Hagens nicht gestattet, dieses Stück zu zeigen - das Verwaltungsgericht verbot das Ausstellen des Aktes.

Doch abgesehen von dieser Frage des ethischen Geschmacks gibt es einen weiteren Punkt, der gerade in letzter Zeit immer wieder von Kritikern aufgegriffen wird: Stammen wirklich alle Körper in der Ausstellung von Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben sind und sich zu Lebzeiten dazu bereit erklärten, ihre Leiche für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen? Obwohl von Hagens immer wieder betont, dass alle Körper von Freiwilligen zu diesem Zwecke gespendet wurden, kamen seit der Nachahmerausstellung "Our Body" in Paris Zweifel daran auf. Hier wurden anscheinend gewaltsam ums Leben gekommene Menschen ausgestellt, was auch die Diskusion rund um Körperwelten anfachte. Ein solcher Vorwurf konnte bis heute nicht bestätigt werden, doch hinterlässt er einen bitteren Nachgeschmack beim Betrachten der Exponate.

Es bleibt die Frage, wie viele Menschen Körperwelten aus wissenschaftlichem Interesse am menschlichen Körper besuchen. Die Skandal umwobene Wanderausstellung verdankt mit Sicherheit eine beträchtliche Anzahl ihrer Besucher vor allem auch ihrem umstrittenen Ruf. Lässt sich biologische oder gesundheitliche Aufklärungsarbeit allein durch eine Ausstellung verstorbener Menschen betreiben? Das mit Sicherheit nicht, doch müssen selbst Kritiker zugeben, dass, was auch immer man aus ethischen Gründen von Körperwelten halten mag, eine große Masse an Menschen dadurch Hintergrundwissen vermittelt wird. Denn schließlich war es gerade Laien zuvor nicht möglich, einen solch detaillierten und originalen Einblick in das menschliche Innenleben zu gewinnen. Auch wenn vielleicht nicht jeder Besucher seine ungesunde Lebensweise nach der Ausstellung ablegen mag: Einige tun das bestimmt. Es scheint wie so oft in der Forschung und Wissenschaft - Ethik und wissenschaftlicher Fortschritt in Medizin oder Biologie lassen sich nicht immer unter einem Dach vereinen.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion