„Ein Deutscher kommt nach seinem Tode auf dem Wege zur Ewigkeit an eine Kreuzung. In die eine Richtung weist das Schild ZUM HIMMEL, in die andere das Schild ZU VORTRÄGEN ÜBER DEN HIMMEL. Welchen Weg wählt der Deutsche? Er geht natürlich zu den Vorträgen über den Himmel.“ Finden Sie das lustig? Nein? Dann sind Sie vermutlich deutsch. Dieser Witz ist 150 Jahre alt und stammt aus dem Mund eines Österreichers. Den Deutschen, so heißt es bei unseren Nachbarn, muss man immer erst Regeln geben, damit sie wissen, wie sie sich benehmen dürfen. Sie nehmen das Leben nicht einfach wie es kommt, sondern philosophieren, diskutieren und theoretisieren darüber – während es an ihnen vorbei zieht. Deutsche haben zwar keinen Humor, sind dafür aber fleißig, zuverlässig und immer pünktlich. Letzteres heißt auf Deutsch natürlich 10 Minuten VOR der Zeit.

Deutsch = Lederhose und Sauerkraut

Die Meinungen über den deutschen Charakter gehen weit auseinander. Einig ist man sich in anderen Ländern nur über die offensichtlichen Dinge: Deutsche heißen Fritz und Gretchen, ernähren sich von Sauerkraut, Würsten und Unmengen Bier, tragen Lederhosen und Dirndl und leben in hutzeligen Fachwerkhäusern. An dieser Vorstellung dürften die Brüder Grimm nicht ganz unschuldig sein, denn was jedem Chinesen beim Stichwort deutsch sofort einfällt, ist Schloss Neuschwanstein, Vater Rhein und Aschenputtel. Deutschland ist ein Land wie aus dem Märchen. So sehen es zumindest die Chinesen. Und was ist mit den inneren Werten? Den berühmten deutschen Tugenden? Eine Studie der GfK Marktforschung aus dem Jahr 2006, an der 12.000 Bürger aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen, Russland, Tschechien und der Türkei teilnahmen, ergab folgendes Bild: Nahezu jeder fünfte Tscheche hält die Deutschen für arrogant, während jeder fünfte Niederländer die Deutschen für nette Menschen hält. Acht Prozent der befragten Österreicher sagten klar heraus, dass sie die Deutschen nicht mögen, während acht Prozent der befragten Russen die Deutschen durchaus nett finden. Erschreckend ist, dass immer noch zehn Prozent der befragten Italiener Deutschland mit Hitler und den Nazis verbinden. Amerikaner halten extreme Freizügigkeit für typisch deutsch und in China gelten wir als sehr langsam, weil wir immer sehr lange überlegen, was wir als nächstes tun wollen oder müssen. Man fragt sich unwillkürlich, woher diese Einschätzungen wohl kommen mögen. Denn wie so oft im Leben entspricht das Selbstbild so gar nicht der Außenwahrnehmung.

Für wie deutsch halten sich die Deutschen?

Deutsche halten sich selbst in erster Linie für pessimistisch und schlecht gelaunt. Deutsch zu sein bedeutet, viel zu jammern. Über das Wetter, über die Familie, über den Job. Deutschland ist eine Servicewüste und Humor kennen wir schon gar nicht. Land der Dichter und Denker? Das war einmal. Heute halten wir nicht mehr viel von uns selbst. PISA sei Dank. Doch eine so pauschale Negativeinschätzung ist ebenso falsch, wie die, dass alle Deutschen Fußball lieben. Kann es so etwas wie „typisch deutsch“ überhaupt geben? Immerhin leben 80 Millionen Menschen in Deutschland und da gibt es Stadtmenschen, Landbewohner, Beamte, Geistliche, Lebenskünstler und, und, und…Aber vielleicht ist es wirklich eine Eigenart der Deutschen, alles negativ zu sehen. Das macht auch vor dem eigenen Land nicht Halt. Wir sollten vielmehr lernen, uns auf die positiven Eigenschaften zu konzentrieren, die als typisch deutsch gelten. Viele Ausländer bezeichnen Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft als typisch deutsch. Pünktlichkeit und Fleiß sind, wenn sie nicht übertrieben werden, durchaus positive Eigenschaften. Und durch die vielen ausländischen Mitbürger in den Städten hat Deutschland in den letzten Jahren deutlich an Toleranz und Weltoffenheit gewonnen. Durch sie haben Deutsche gelernt, sich zu entspannen, das Leben zu genießen und Döner zu mögen. Und wer die Deutsche Bahn kennt, weiß, dass selbst diese im Ausland hoch gelobte deutsche Institution es mit der deutschen Pünktlichkeit nicht allzu genau nimmt. Typisch deutsch? In einer Welt, die immer enger zusammen wächst, verwischen Grenzen und Klischees zunehmend – und das ist doch eine gute Sache.

Autorin: Elke Liermann, Platinnetz-Redaktion