Die Hildegardismedizin stützt sich in erster Linie auf zwei Schriften, die Hildegard von Bingen zugeschrieben werden. Neben vielen anderen Werken schrieb Hildegard von Bingen zwischen 1150 und 1165 ihr Wissen über die Heilkräfte der Natur nieder. Im 13. Jahrhundert wurde das Buch der Äbtissin abgeschrieben und in zwei Teile aufgeteilt: In die „Physica“, zu Deutsch Naturkunde, und die „Causae et Curae“, Ursachen und Therapien von Krankheiten. Darin beschreibt die Benediktinerin eine ganzheitliche Naturheilkunde, die sich am Heilwissen antiker Kulturen orientiert, und gleichzeitig spirituelle Aspekte in die Heilung von Krankheiten mit einbezieht.

Die Medizin der Hildegard von Bingen

Heute versteht man unter Hildegardismedizin eine Mischung aus Pflanzenheilkunde, Edelstein-Therapie und gesunder Lebensführung. Außerdem zählen Bäder, Wickel und das Schröpfen dazu. Gesunde Lebensführung beinhaltete für Hildegard von Bingen eine ausgewogene, gesunde Ernährung, einen selbst auferlegten Tagesrhythmus und regelmäßiges Fasten zum Entschlacken und Entgiften. Auch den positiven Einfluss von ausreichend frischer Luft, Licht und Bewegung hat sie bereits erkannt und niedergeschrieben.

Für die Mystikerin waren Körper, Seele und Geist eine untrennbare Einheit - und damit liegt sie heute voll im Trend. Bei der Behandlung von Symptomen bezog Hildegard von Bingen immer auch die Seele mit ein. Krankheit betrachtete sie als Zustand des Ungleichgewichts. Ihrer Ansicht nach drückt die Seele ihre Konflikte in körperlichen Beschwerden aus. Die Mystikerin beschreibt in ihren Werken, wie sich negative Gefühle und Gedanken auf die verschiedenen Organe auswirken. Da Geist und Körper zusammenhängen, bezog Hildegard von Bingen besonders die Freude als Heilmittel in ihre Therapie mit ein. Ebenso, wie sich negative Gedanken als Krankheiten niederschlagen, können Freude und positive Gefühle den Menschen heilen. So kann der Mensch selbst seine Gesundheit fördern. Aus Sicht der Äbtissin ist das eine gottgewollte Aufgabe: „Der Mensch baue seinen Leib als ein wohnliches Haus, damit die Seele gern darin wohnt."

Hildegard von Bingen – aktuell wie eh und je

Heute wird die Hildegardismedizin hauptsächlich als Präventiv-Medizin eingesetzt. Viele Heilpraktiker arbeiten unter anderem nach den Lehren der Äbtissin und greifen den Ansatz der ganzheitlichen Behandlung von Körper und Geist auf. Bei Laien sind besonders ihre Ernährungslehre und ihre Kräuterkunde beliebt. Viele der von Hildegard von Bingen beschriebenen Kräuter finden sich noch heute in gut sortieren Hausapotheken. So wird zum Beispiel gegen Blasenentzündung Zinnkraut und Brennessel empfohlen, weil beide harntreibende Wirkung haben. Hildegards Rezepte für Nervenkekse oder Dinkelbrot machen die Runde in verschiedenen Koch-Foren im Internet.

Nicht alle von Hildegard von Bingen propagierten mittelalterlichen Methoden sind heute von der Medizin anerkannt. Analysen der Inhaltsstoffe verschiedener Kräuter konnten deren Wirksamkeit jedoch wissenschaftlich belegen. Die Ernährung nach den Regeln der Hildegard von Bingen kann das Immunsystem stärken und so Krankheiten vorbeugen. In der Alternativmedizin erfreuen sich auch Methoden wie das Schröpfen und die Edelstein-Therapie nach wie vor großer Beliebtheit - ihre Wirkung auf die Gesundheit ist allerdings in schulmedizinischen Kreisen umstritten. Nebenwirkungen sind bei der Anwendung der Hildegardismedizin jedoch nicht zu befürchten, so dass nichts dagegen spricht, ihre Kräutertherapie als unterstützendes oder vorbeugendes Mittel einzusetzen.

Einigen Nahrungsmitteln, Kräutern und Getreidesorten schreibt Hildegard von Bingen besonders gesundheitsfördernde Eigenschaften zu. Gerade den Dinkel lobt sie als wahres Allheilmittel: „Dinkel ist das beste Getreide. Es wirkt wärmend und fettend, ist hochwertig und milder als alle anderen Getreidekörner. Wer Dinkel isst, bildet gutes Fleisch, Dinkel führt zu einem rechten Blut und er macht frohen Sinn und Freude im Gemüt des Menschen. Und wie auch immer die Menschen ihn essen, sei es in Brot, sei es in anderen Speisen, er ist gut und leicht verdaulich.“ Hildegard von Bingen empfahl zur Entgiftung des Körpers regelmäßige Kuren, bei denen drei Wochen lang ausschließlich Dinkel, Obst und gedünstetes Gemüse gegessen werden darf. Als besonders gutes Gemüse empfahl sie Fenchel, Bohnen, Sellerie, Kichererbsen, Edelkastanien, Kürbis, Rote Beete und Karotten. Als „Küchengift“ bezeichnete sie dagegen Lauch, Chicoree, Schweinefleisch, Erdbeeren, Pflaumen und Pfirsiche.

Für alle, die Hildegard von Bingens Heilkunde einmal ausprobieren möchten, hier das Rezept der berühmten Nervenkekse:

Zutaten:

1,5 kg Dinkelfeinmehl

350 g Butter

4 Eier

300 g Rohrzucker oder Honig

1 Priese Salz

45 g Muskatnusspulver

45 g Zimt

10 g Nelkenpulver

200 g gemahlene Mandeln

einige Teelöffel Wasser

Alle Zutaten rasch zu einem Mürbeteig verarbeiten, Plätzchen ausstechen und im vorgeheizten Backofen bei 180 Grad 5-10 Minuten backen.

Wichtig: Wegen der großen Menge an Muskatnuss sollten Kinder nicht mehr als drei Kekse pro Tag essen, Erwachsene maximal sechs.

Autorin: Elke Liermann, Platinnetz-Redaktion