Eine Vertreterin dieser "Wissenschaft des Glücks" ist die Psychotherapeutin Andrea Horn. Zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Saskia Rudolph bietet sie Seminare an, in denen die Teilnehmer lernen, sich auf die eigenen Kräfte und Fähigkeiten zu besinnen. Mit der Firma AbbVie wurden nun Seminare und Konzepte entwickelt, die sich gezielt an Menschen mit Parkinson sowie deren Angehörige richten. Hierbei steht nicht die Erkrankung im Mittelpunkt, sondern die Suche nach Menschen und Tätigkeiten, in denen das Glück schlummert und die Kraft geben.

Im Gespräch erklärt sie uns, was die Grundlagen der Positiven Psychologie sind und warum Menschen mit Parkinson davon profitieren können. Sie gibt auch Tipps, was Betroffene und deren Angehörige tun können, um die Erkenntnisse der Positiven Psychologie für sich zu nutzen.

So können Angehörige ihren Lieben - und sich selbst - helfen

1. Optimismus und die Fähigkeit, die schönen Dinge des Lebens zu sehen, können helfen, die Freude am Leben zu wahren und Einschränkungen durch Parkinson als weniger beeinträchtigend wahrzunehmen. Sie können als Angehöriger niemanden zwingen, auf die guten Seiten zu schauen – und wahrscheinlich fällt es Ihnen auch nicht immer leicht. Doch Sie können es dem anderen erleichtern. Es hilft bestimmt, wenn Sie es nicht nur mit Worten machen, sondern auch mit Taten:

  • Leute einladen, die Sie mögen und mit denen Sie gerne Zeit verbringen
  • Gemeinsam schöne Sachen machen, wie Tanzen, zum Thai Chi gehen, zusammen kochen, Musik hören …
  • Sich gemeinsam schöne Ziele setzen wie Ausflüge oder ein Kinofilm am Wochenende …
  • Abends am Abendbrottisch oder im Bett überlegen: Was war schön heute?
  • Anregen, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Hier kann man neben der Thematisierung der Krankheit auch die positiven Erlebnisse in den Fokus rücken (gemeinsames Tanzen, Singen, Unternehmungen etc.)
  • Gemeinsam kleine Hilfen überlegen, wie man sich die schönen Dinge vor Augen führt, z.B. Zettel mit Zitaten an den Badezimmerspiegel oder an den Kühlschrank kleben, Bilder der Enkel im Portemonnaie aufbewahren
  • Mit gutem Beispiel vorangehen. Versuche auch Sie, sich das kleine Glück bewusst zu machen.


2. Manche Menschen mit chronischen Erkrankungen fühlen sich hilf- und wertlos. Angehörige können dabei helfen, dass die Betroffenen sich auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten besinnen. Zum Beispiel durch:


  • Unterstützung geben, ohne im Alltag zu viel abzunehmen. Alle Dinge, die er oder sie kann, allein machen lassen.
  • Den anderen bei kleinen Erfolgen loben und ermuntern
  • Positive Charaktereigenschaften hervorheben.
  • Für alles von vornherein Zeit einplanen

Auch für Sie als Angehörigen ist wichtig, dass Sie Optimismus behalten, das Gute betonen und sich nicht nur auf die Einbußen konzentrieren. Oft sind es die kleinen Dinge, die zählen, ein Lächeln oder eine Umarmung.

Das Interview

Frau Horn, in der Positiven Psychologie geht es darum, glücklich zu werden. Was ist eigentlich Glück?

Das ist ein kurzes Wort, in dem so viel steckt. Man kann Glücksgefühl auch als Zufriedenheit und Wohlbefinden verstehen, was Forscher bevorzugen. Es gibt ganz verschiedene Arten: Das erste, woran wir denken, wenn wir das Wort hören, ist das Glück des Zufalls, z.B. wenn wir einen Euro finden. Dann gibt es das Glück der Gemeinschaft, das ist das Beisammensein mit anderen, das Glück des Momentes, z.B. ein Herbstspaziergang im Wald und das Glück der Fülle, das die überwältigenden, großen Momente im Leben beschreibt. Schließlich gibt es noch das Glück der Selbstüberwindung, wenn wir etwas geschafft haben, was Mut und Kraft erfordert hat, z.B. auf einen Berg steigen oder den Chef um mehr Gehalt bitten.
Was viele erstaunen wird: Die Fähigkeit, Glück zu empfinden, eher das halbvolle Glas zu sehen als das halb leere, ist zu 50 % Veranlagung, aber zu 40 % von uns selbst beeinflussbar. Nur 10 % sind den Lebensumständen und äußeren Ereignissen zuzuschreiben, wozu auch eine Erkrankung gehören kann. Wir haben also unser Glück zu einem sehr großen Teil selbst in der Hand.

Wie kann die Positive Psychologie zum Glück beitragen?

Die Positive Psychologie als Wissenschaft untersucht Faktoren, die das Wohlbefinden vieler Menschen beeinflussen. In der Praxis ist es dann viel wichtiger, diese Faktoren ganz individuell für sich selbst zu finden und zu bestimmen. Jeder Mensch ist anders. Es geht also darum, ganz konkret herauszufinden, was ich kann, was mich auszeichnet, was ich gerne tue, was mir Kraft gibt und wie ich mich wohlfühle. Beispielsweise ist der eine Mensch glücklich mit einem einzigen festen Vertrauten an seiner Seite, ein anderer fühlt sich jedoch wohler, wenn er mehrere enge Freundschaften hat. Oder jemand, der gewissenhaft, ausdauernd ist und Zahlen mag, ist beruflich in der Buchhaltung besser aufgehoben als ein Mensch, der Kreativität zu seinen Hauptstärken zählt. Wenn man seine Fähigkeiten, seine Stärken und seine Vorlieben kennt und danach lebt, steigert das das Wohlbefinden und macht glücklich. Aber zunächst muss man sich selbst auf den Grund gehen und das heraus finden.

Buchtipps

“Glück” ist ein Trend-Thema: Es gibt unzählige Lebensratgeber und Selbsthilfebücher. Leider verlieren sich viele von ihnen in allgemeinen Aussagen und unkonkreten Tipps und Hinweisen. Wir empfehlen Angebote und Literatur, die alltagsnahe Hilfen und Ideen bieten. Hier einige Tipps:

  • E.v. Hirschhausen: Glück kommt selten allein
  • Sonja Lyubomirsky: Glücklich sein
  • Tobias Esch: Die Neurobiologie des Glücks
  • Ken Robinson: In meinem Element

Wie kann die Positive Psychologie Menschen mit Parkinson helfen?

Die eigenen Stärken, Talente, Kraftquellen und Vorlieben zu kennen, ist für jeden hilfreich. Gerade mit einer chronischen Erkrankung fühlt man sich oft hilflos, stellt sich selbst in Frage und denkt, dass man nicht mehr voll einsatzbereit ist. Diese Gedanken zu durchbrechen, sich auf Stärken und Talente zu besinnen und den eigenen Nutzen für andere wahrzunehmen, ist hier das Ziel.

Zudem verändern sich bei Menschen mit Parkinson die Dinge, die man tun kann. Man muss sich also oft neuorientieren, sich auf andere Fähigkeiten und Stärken besinnen als die, die man bisher an sich wahrgenommen hat.

Welchen Rat haben Sie für Betroffene und Angehörige, wenn die Diagnose Parkinson noch recht neu ist?

Das ist ein sehr einschneidender Moment. Es wird einem bewusst, dass das Leben sich verändern wird. Man sollte jedoch nicht nur die Belastung und die Einbußen sehen, sondern auch darauf schauen, was das Leben weiterhin lebenswert macht - und auch nach einigen Jahren mit Parkinson noch machen wird. Vielleicht verschieben sich die Werte und die Hobbys mit der Zeit: Teilnehmer unserer Workshops, die seit einiger Zeit mit Parkinson leben, erzählen uns immer wieder, dass gewisse Dinge zwar nicht mehr so gut funktionieren wie früher. Aber das führt nicht dazu, dass sie aufgeben. Vielmehr nehmen sie sich dann einfach mehr Zeit, zum Beispiel kürzere Wegstrecken auf andere Berge mit ebenso schöner Aussicht. Oder sie suchen nach Alternativen, zum Beispiel Boot fahren auf einem See anstatt Segeln in der stürmischen Nordsee. Sie finden neue Lieblingsbeschäftigungen, genießen Auszeiten bewusster und sehen die kleinen Dinge. Das kleine Glück, sozusagen.

Was erleben Sie bei Ihren Seminaren mit Menschen mit Parkinson?

Wir erleben bei unseren Treffen mit Betroffenen, dass manche Menschen in einem recht weit fortgeschrittenen Stadium von Parkinson von Gefühlen der Freude und des Wohlbefindens berichten, während andere Betroffene ohne große körperliche Einschränkungen das Gefühl äußern, in ihrer Lebensqualität stark beinträchtig zu sein. Sich gut zu fühlen, ist also nicht nur vom körperlichen Befinden abhängig, sondern auch von anderen Faktoren. Insbesondere das Gefühl, Kontrolle über sein Leben zu behalten, spielt eine große Rolle beim Wohlbefinden. Dieses Gefühl kann man mit Aktivitäten, Hobbys und sozialen Kontakten stärken.
Untersuchungen zeigen, dass bei chronischen Erkrankungen Optimismus wichtig ist. Diese Eigenschaft kann das Schmerzempfinden reduzieren, schützt vor weiteren körperlichen Erkrankungen, wie z.B. Herzinfarkt, und stellt ein Schutzschild gegen Depressionen dar.
Wenn jemand allerdings schon unter Depressionen leidet, das Befinden sehr schlecht ist und er aus diesem Tief nicht mehr heraus kommt, sollte man versuchen, Hilfe von außen zu erhalten und eine Therapie in Anspruch zu nehmen. Am besten wendet man sich an den behandelnden Neurologen, der helfen kann, einen geeigneten Therapeuten zu finden.

Sie geben Ihren Workshop Teilnehmern konkrete Tipps und haben sogar einige Übungen entwickelt – könnten Sie uns erläutern, worum es dabei geht?

Ich würde es mit „Zeit statt Zeug“ zusammenfassen. Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen für sich, für den gegenseitigen Austausch – statt alles perfekt und schnell organisieren zu wollen. Es ist auch gut, sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen, Gefühle zu zeigen und über Gefühle zu sprechen. Beide Seiten müssen bereit sein, Hilfe anzunehmen: Parkinson-Betroffene von ihren Angehörigen und Mitmenschen, die Angehörigen auch von Außenstehenden. Letztendlich geht es darum, sich für die schönen Dinge des Lebens zu öffnen: sich an schöne Erlebnisse zu erinnern oder schöne Aktivitäten wiederzubeleben. Auch Dankbarkeit zu entwickeln für das Gute im Leben.
Das alles stärkt das Wohlbefinden der Betroffenen und festigt die Bindung an die Angehörigen (und umgekehrt), stärkt die eigene Kraft in der Gegenwart, wappnet aber auch für besonders schwierige Zeiten.

Frau Horn, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.