Doch wie schafft man es, zwischen Krankheit, Alltagsanforderungen und Sachzwängen eine Beziehung aufrechtzuerhalten und zu gestalten, die für beide Seiten befriedigend ist?

Im Gespräch mit Viktor Arheit, Psychologe, Ehe- und Sexualberater, haben wir versucht, Lösungen und Strategien zu entwickeln, um eine Beziehung trotz Parkinson zu meistern.

Aus dem Gespräch mit Viktor Arheit haben wir sechs Sätze herausgefiltert, die uns besonders wichtig und hilfreich erscheinen. Das vollständige Interview lesen Sie im Anschluss daran.

6 Tipps für Partner von Menschen mit Parkinson:

1. Machen Sie in der Fürsorge und Pflege Ihres Partners / Ihrer Partnerin nur das, was Sie wirklich können und wollen - nicht das, was Ihrer Meinung nach erwartet wird. Holen Sie sich Hilfe für alles andere.

2. Versuchen Sie mit Ihrem Partner / Ihrer Partnerin im Gespräch zu bleiben. Wenn Sie feststellen, dass kein Gespräch mehr möglich ist, gestehen Sie sich zu, dass Sie Beratung und Gespräche mit anderen benötigen.

3. Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie Ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen. Sie müssen nicht nur funktionieren, sondern dürfen auch an sich selbst denken. Sonst helfen Sie keinem von Ihnen beiden.

4. Gestehen Sie sich Zeit für Ihre eigene Erholung zu.

5. Wenn Sie das Gefühl haben, keinen Ausweg aus Ihrem Pflichtenkreis zu haben, fragen Sie sich: Was passiert wirklich, wenn ich das jetzt nicht mache? Oft relativiert sich dann die Verpflichtung.

6. Lassen Sie sich nicht vom Parkinson beherrschen. Sie allein sind für Ihr Glück verantwortlich. Nicht die Krankheit und nicht der Partner.

Interview mit Viktor Arheit

Frage: Herr Arheit, das Thema unseres Gesprächs heute lautet „Partnerschaft mit Parkinson“. Was belastet Ihrer Meinung nach eine Beziehung besonders, in der ein Partner erkrankt?
Arheit: Hier gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von der Schwere der Erkrankung, von der Unterstützung, die von außen kommt, aber ganz stark auch davon, wie die Beziehung vor der Erkrankung war. Oftmals existieren Probleme, die scheinbar mit Parkinson aufgetreten sind, bereits seit Längerem. Fängt eine Frau zum Beispiel an, ihren betroffenen Mann ausgeprägt zu bemuttern, zeigte sie möglicherweise schon vorher dieses mütterliche Verhalten. Das darf man nicht aus dem Blick verlieren.

Frage: Schreitet Parkinson fort, so muss der gesunde Partner oft immer mehr Alltagsaufgaben übernehmen, zum Beispiel Hausarbeit, Einkauf, Auto in die Werkstatt bringen. Dazu kommen die Aufgaben, die sich aus der Erkrankung des Partners ergeben, zum Beispiel Arztbesuche. Wie kann man das am besten bewältigen?
Arheit: Ich als Psychologe kann hier keine praktischen Tipps geben, aber ich kann auf die inneren Prozesse eingehen. Mir scheint ganz wichtig, dass man sich als gesunder Partner bewusst machen darf, nicht dazu gezwungen zu sein oder dass das Schicksal einen nicht dazu zwingt, etwas aushalten zu müssen. Vielmehr kann man sich immer fragen: Was kann und was mag ich wirklich übernehmen und wo liegen auch meine Grenzen? Wenn man das für sich entschieden hat, kann man sich fragen: Wo finde ich Hilfe? Natürlich ist das auch eine Frage von Kosten und Zeit und nicht immer so einfach wie es klingt.
Aber langfristig kann das dann eine bessere Lösung für beide sein, als wenn der Partner sich gezwungen fühlt und Wut sich aufstaut.

Frage: Fragt man betroffene Angehörige, was für sie besonders schwierig ist, hört man oft, dass die Beziehung nicht mehr partnerschaftlich und gleichberechtigt funktioniert, nicht mehr auf Augenhöhe ist. Die Person mit Parkinson ist abhängig von der Hilfeleistung des gesunden Partners. Dieser übernimmt immer mehr Verantwortung in allen Bereichen. Manche vermissen die eigene emotionale Unterstützung durch den anderen. Eine Auseinandersetzung oder ein Streit auf Augenhöhe wie vorher ist nicht mehr möglich.
Arheit: Das ist etwas, was die meisten von einer Beziehung möchten: Einen Partner auf gleicher Höhe zu haben, mit dem wir uns austauschen können, der uns manchmal auch trägt, mit dem wir Begegnungen haben, Nähe und Distanz erfahren. Auch ich sehe da ein besonderes Problem. Das Gleichgewicht gerät ins Wanken. Das wirft die Frage auf: Ist das irgendwann nur noch eine Pflegebeziehung?
Die zentrale Frage für mich ist dabei, wie weit ein Gespräch noch möglich ist. Wenn Menschen feststellen, dass kein Gespräch mehr möglich ist, sollten sie sich zugestehen, dass sie Unterstützung benötigen. Die sollte darin bestehen, verständnisvoll zuzuhören und zu helfen, herauszufinden, wo die eigenen Bedürfnisse liegen. Man kommt dann sicherlich auch nicht drum herum, die Beziehung, wie sie bisher bestanden hat, zu besprechen, sich überhaupt mit dem Thema Beziehung auseinandersetzen, auch mit dem Partner mit Parkinson. Da stellt sich dann die Frage, inwieweit sich dieser über die Beziehung auseinandersetzen kann und mag.

Frage: Na ja, das kann man verstehen. Es ist doch für den Menschen mit Parkinson schon schwierig genug, sich mit der Tatsache seiner eigenen Erkrankung auseinanderzusetzen. Und dann soll er sich noch Gedanken über die Beziehung machen.
Arheit: Sicherlich kann Krankheit ein hartes Schicksal sein und eine Beziehung sehr belasten. Aber jeder Mensch hat ein Schicksal, das es zu bewältigen gilt. Bei Parkinson ist der eine betroffen, aber der andere mit betroffen. Daher sollte man sich nicht nur dem eigenen Leiden hingeben, sondern auch den Problemen und Gedanken des anderen offen gegenüberstehen. In der Partnerschaft ist beiderseitiges Verständnis die Basis für vieles andere. Nicht nur bei Parkinson.

Frage: Die Hilfe, den verständnisvollen Zuhörer – wo findet man den?
Arheit: Die erste Möglichkeit sind Freunde und Familie. Da benötigt man dann aber tiefgehende Freundschaften. Zunächst geht es ja darum, mit jemanden reden zu können und das Gefühl zu haben, verstanden zu werden. Vor allem möchte niemand mit gutgemeinten Ratschlägen abgespeist werden. Entscheidend ist, dass man durch die Gespräche selbst zu Lösungen findet. Jede äußere Lösung erwartet eine innere Haltung, das heißt, es ist nicht ausreichend, einen Ratschlag zu bekommen. Man muss auch dazu bereit sein, Gedanken zuzulassen und selbst aktiv zu werden.
Wenn im familiären Umfeld oder im Freundeskreis niemand in Frage kommt, dann bieten auch psychologische Berater und Paarberater solche Gespräche an. Es gibt auch kirchliche Stellen oder seelsorgerische Hilfe und Selbsthilfegruppen. Wichtig ist allerdings, dass man sich dort wohlfühlt.

Frage: Was den gesunden Partner häufig in der Beziehung belastet, ist das schlechte Gewissen. Man tut so viel, hat aber trotzdem immer das Gefühl, es ist nicht genug. Wie kann man damit umgehen?
Arheit: Ein schlechtes Gewissen zu haben, heißt ja: Es gibt unterschiedliche Stimmen in einem selbst. Da ist die verinnerlichte Moral und die Bewertung von Außenstehenden, aber auch die eigene Stimme, die sagt: Das will ich nicht, das kann ich nicht. Streit zwischen Kopf und Bauch, Moral und eigener Lust, eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. Das sind Stimmen, die sagen: Ich möchte mich nicht für den Rest des Lebens auf Pflege reduzieren lassen oder: Ich möchte auch noch leben. Oder: Ich will mein altes Leben, meinen alten Partner zurück. Sich dieses innere Dilemma zuzugestehen, kann schon eine gewisse Entspannung bringen. Auch zu begreifen, dass dieses Dilemma normal ist, dass man deswegen kein schlechter Mensch ist. Das ist die Grundvoraussetzung. Man sollte nicht nur nach gesellschaftlichen Normen handeln, sondern die eigene Situation in Betracht ziehen.

Frage: Okay, man weiß jetzt, man hat ein schlechtes Gewissen und warum. Aber wie geht es dann weiter?
Arheit: Nun geht es darum zu erkennen, was die verschiedenen inneren Stimmen wollen und wie diese Stimmen miteinander neue gute Lösungen entwickeln können. Da helfen ganz praktische Übungen, wie zum Beispiel zwei Stühle aufzustellen und zu sagen: Die eine Stimme sitzt hier, die andere da. Dann setzt man sich auf die Stühle und lässt die Stimmen miteinander sprechen. Das ganze ist auch mit Zetteln möglich, auf denen die verschiedenen Sichtweisen stehen. Oft kommt dadurch eine weitere Stimme hinzu und es zeigen sich neue Lösungswege.

Frage: Aber kann man in so einer Situation wirklich nur den eigenen Weg verfolgen?
Arheit: Die Beantwortung der Fragen "Was möchte und kann ICH?" und "Wozu bin ich bereit?" hilft nicht nur mir, sondern auch meinem Partner. Denn wenn man nie auf sich hört, holt sich der Körper oder auch der Kopf irgendwann den nötigen Raum, dann kann man nicht länger funktionieren. Jeder allein trägt für sich und sein Wohlergehen die Verantwortung, die trägt nicht der Partner.

Frage: Wie kann man das praktisch umsetzen?
Arheit: Indem man sich zum Beispiel Erholungszeit zugesteht, Dinge macht, die man gerne machen möchte. Das kann einmal pro Tag eine Stunde Sport sein, einmal die Woche der Saunabesuch, eine Kurzreise am Wochenende oder einmal pro Jahr einen Urlaub. Da kann auch mal ein Wunsch nach Fürsorge von Seiten des Partners zurückgewiesen werden. Auch mal sagen: Nein, jetzt erhole ich mich und habe keine Zeit für dich. Danach ist der Akku wieder voller und die Fürsorge kann größer sein als vorher.

Frage: Das bringt mich auf einen Punkt, der häufig angesprochen wird. Viele Paare haben gemeinsame Lebensträume, wie Reisen im Rentenalter, vielleicht den Lebensabend in der Sonne zu verbringen. Durch Parkinson müssen beide Partner eventuell irgendwann darauf verzichten. Da hat der gesunde Partner vielleicht auch einen inneren Groll oder Traurigkeit, dass sich das nicht mehr realisieren lässt.
Arheit: Eine Beziehung bleibt ein Leben lang eine Herausforderung, mit Unterschieden umzugehen. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich die Wünsche und die Möglichkeiten lebenslang in die gleiche Richtung entwickeln, weder bei gesunden Paaren noch bei Paaren, die durch Krankheiten beeinträchtigt sind. So gesehen bleibt die Verantwortung für das eigene Glück stets bei jedem Partner selber. Man muss immer wieder neu abwägen, wo man sich trifft: Was geht zusammen und was nicht, was muss ich eventuell mit anderen Menschen tun und genießen, ohne die Partnerschaft dadurch in Frage zu stellen.

Aber natürlich, die Erkrankung kann einem Paar mit gemeinsamen Plänen dazwischen kommen. Was tun? Da geht es wieder darum, sich mit sich auseinanderzusetzen und zu überlegen, wie die verschiedenen Positionen zusammenkommen. Aber es kann nicht bedeuten, dass ich auf alles verzichte. Es bedeutet: Neuorientierung – das Leben hat neue Voraussetzungen. Meine Wünsche sind so wichtig wie die des Partners. Auch im fortgeschrittenen Alter kann ich neue freundschaftliche Beziehungen und Bindungen eingehen und muss nicht nur auf die Familie reduziert bleiben.

Frage: Eine Herausforderung, mit der die Partner ebenfalls umgehen müssen, ist die Sexualität. Parkinson macht Sexualität nicht unmöglich, doch aus verschiedenen Ursachen unter Umständen schwierig. Welchen Rat haben Sie zum Umgang mit der Sexualität?
Arheit: Sexualität, spielt eine sehr wichtige Rolle für die meisten Paare. Auch da stellt sich die Frage: Wie ist man vorher damit umgegangen? In vielen Beziehungen ist das sowieso kein einfaches Thema. Entscheidend ist, wie offen das Paar miteinander darüber reden kann. Offenheit ist ganz wichtig, um zu einer Lösung zu kommen. Auch da kann es hilfreich sein, Unterstützung von außen zu bekommen. Denn gerade die Sexualität ist ein Feld, wo Menschen herausgefordert werden, mit eventuell anderen Wünschen des Partners umzugehen. Sie müssen sich Vorstellungen eingestehen, aussprechen, den Partner damit konfrontieren und dann Lösungen finden – oder auch nicht. Wenn beide noch möchten, aber nicht wissen wie, dann kann es sehr sinnvoll sein, mit einem Außenstehenden zu reden. Auch hier gilt wieder: Es ist normal in einer Partnerschaft unterschiedliche Bedürfnisse zu haben, unabhängig von der Erkrankung.

Frage: Zum Abschluss, Herr Arheit. Was geben Sie generell mit auf den Weg? Gibt es etwas, was Ihnen besonders wichtig erscheint?
Arheit: Für mich steht der Gedanke im Zentrum, dass jeder Verantwortung für sich selber hat. Die Verantwortung für mich selber, für mein eigenes Glück bleibt bei mir, diese Verantwortung geht nicht zum Partner über. Wenn man sagt: Ich kann wegen dir nichts mehr machen, gibt man die Verantwortung ab und begibt sich in Abhängigkeit von der Krankheit. Aber: Mein Glück ist meine ureigene Aufgabe.

Herr Arheit, wir danken für das Gespräch.