Bin ich wie meine Eltern geworden? Warum habe ich eigentlich studiert? Und erziehe ich meine Kinder genauso, wie meine Eltern mich erzogen haben? Das sind die Fragen, die man sich immer häufiger stellt, wenn die Lebenswege länger werden und man damit beginnt, zurück zu blicken. Meistens stellt man dabei fest, dass in wichtigen Lebenssituationen unbewusst die Familie eine große Rolle gespielt hat. Eltern, Geschwister und andere nahestehende Verwandte können auf vielerlei Weise Lebenswege und den Charakter prägen. Doch was ist mit entfernten Verwandten, die man vielleicht nicht einmal kennen gelernt hat?

Ein Stammbaum liefert erst Antworten, dann Fragen

Um den Einfluss von entfernten Verwandten ans Tageslicht zu bringen, muss man erst einmal einen Stammbaum erstellen. Das geht heutzutage einfach, im Internet sind viele Datenbanken zugänglich, über Dienstleister kann man sich gleich einen repräsentativen Stammbaum für die Wand erstellen lassen. Selbst Gentests, mit denen man Familienmitglieder aufspüren kann, sind erschwinglich geworden und werden immer üblicher, um exakte Verwandtschaftsverhältnisse zu rekonstruieren.

Wenn der Stammbaum dann erstellt wurde, bekommt man zunächst einmal viele neue Informationen. Haben Sie eine Urgroßmutter, die aus Italien zugewandert ist und von der sie bisher nichts wussten? Entdecken Sie eine verschollene Tante, die in der Familie noch nie erwähnt wurde? Ein Stammbaum liefert viele Antworten, zu denen man dann die passende Frage stellen kann. Warum, beispielsweise, wurde die besagte Tante nie von der Verwandtschaft erwähnt? Gibt es weitere Verwandte im Ausland, zu denen man Kontakt aufnehmen möchte? Wer in der eigenen Familiengeschichte wühlt, muss darauf gefasst sein, dass Überraschungen – seien sie positiv oder negativ – nicht ausbleiben.

Ein Stammbaum kann die Frage beantworten "Wer bin ich?"

In einer Studie wurde kürzlich untersucht, wieso Menschen überhaupt einen Stammbaum erstellen. Für viele ist es Neugier und der Spaß an der Detektivarbeit, als weiterer Grund wurde allerdings häufig angegeben: "Ich will wissen, wer ich bin". Die Suche nach der eigenen Identität kann also genug Motivation sein, wieso sich jemand in Archive begibt, Dokumente und vergilbte Fotoalben wälzt und so seinen Stammbaum Stück für Stück rekonstruiert. In wie fern können aber Menschen, denen man niemals persönlich begegnet ist, das eigene Leben beeinflussen?

Das kommt ganz darauf an, wie sehr man sich mit den Ahnen befasst. Wer gründlich recherchiert und ganze Lebensgeschichten aufdeckt, stößt dabei immer wieder auf Themen und Geschichten, die ihn zum Nachdenken über das eigene Leben anregen. Die Lebensweise eines entfernten Verwandten kann einem den Spiegel vorhalten, und man muss Stellung beziehen zum Leben einer Person, mit der man doch irgendwie verwandt ist und indirekt in einer Beziehung zu ihm steht. Wer herausfindet, dass er einen Freiheitskämpfer in der Familie hat, der ist gezwungen, über seine eigene politische Überzeugung nachzudenken. Dadurch, dass ein Verwandter so eindeutig Stellung bezogen hat, denkt man über das eigene Leben nach und und prüft still für sich, wie man dazu steht. So kann man aus der Vergangenheit lernen und Schlüsse für das eigene Leben ziehen.

Elementare Fragen: Was bedeutet mir Familie?

Wie wichtig ist mir die familiäre Abstammung? Was bedeutet mir Familie? Auch das sind Fragen, die man sich beim Blick auf den Familienstammbaum stellt. Was, wenn man beispielsweise entdeckt, dass der Mann, den man zeitlebens als Großvater betrachtet hat, gar nicht der Erzeuger des eigenen Vaters ist? Ludwig (61) hat genau diese Erfahrung gemacht, als er seinen eigenen Stammbaum erstellt hat. "Es war ein Schock als ich erfahren habe, dass mein Vater nicht das leibliche Kind meines Großvaters war. Anscheinend hatte meine Großmutter noch einen anderen Mann, von dem ich nichts wusste." Die Aufdeckung von solchen Verwandtschaftsbeziehungen kann überraschende Tatsachen ans Licht befördern, aber diese sind nicht zwingend für das eigene Leben von Bedeutung. Für Ludwig hat sich nach der Entdeckung nichts geändert. "Obwohl ich biologisch nicht mit ihm verwandt bin, behalte ich meinen Großvater immer noch als den Menschen in Erinnerung, den ich als Kind so geliebt habe."

Ein Stammbaum kann also einen Menschen dazu anregen, über sich selbst und sein Verhältnis zur Familie nachzudenken. Die Beziehungen zu Verwandten können aber dadurch nur selten beeinflusst werden. Auch Familienforscher bestätigen: Wichtig ist, wen man im Leben als Familie betrachtet, nicht wer dem Papier nach zur Familie gehört.

Autorin: Julia Heilig, Platinnetz-Redaktion