Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie die Frage nach einer Freundschaft zwischen Mann und Frau. Den goldenen Mittelweg kann es hier nicht geben. Entweder es ist möglich, oder eben nicht. Umfragen ergeben immer wieder auf’s Neue, dass die Mehrheit der Deutschen nicht an zwischengeschlechtliche Freundschaften glaubt. Aber warum? Was ist daran scheinbar so kompliziert?

Ein Grund liegt in der Eitelkeit des Menschen. Die Zeitschrift „Elle“ stellt fest, dass Freundschaften zwischen unliierten Männern und Frauen nur dann möglich sind, wenn der Mann homosexuell ist. Warum? Weil jeder sich im Stillen fragt, was denn mit einem heterosexuellen Mann nicht stimmt, der eine platonische Freundschaft zu einer attraktiven Frau pflegt. Ist er vielleicht schwul? Oder gar impotent? Will er nicht wenigstens versuchen, bei ihr zu landen? Frauen geht es da nicht besser. Haben sie eine platonische Freundschaft mit einem attraktiven Mann gelten sie schnell als unattraktiv oder frigide. „Irgendwas wird mit ihr nicht in Ordnung sein, sonst hätte er es ja schon einmal versucht.“

Freundschaft oder Nutzen

Trotz allem scheint es die platonische Freundschaft zwischen Mann und Frau zu geben. Häufig sind solche Freundschaften aber aus einer gescheiterten Beziehung hervorgegangen. Damit ist die oben genannte Frage aus dem Weg geräumt. Sexuelles Interesse hat einmal bestanden, man hat aber erkannt, dass die Beziehung nicht funktioniert und hat sich nach einer angemessenen Zeit der Heilung wieder auf freundschaftlicher Ebene getroffen. Eine solche platonische Freundschaft wird in der Gesellschaft hoch geachtet, zeigt sie doch, dass echtes menschliches Interesse und nicht nur oberflächlicher Trieb die beiden verbindet.

Eine ganz andere Art der platonischen Freundschaft ist die, bei der auf einer Seite doch sexuelles Interesse besteht. Solche Freundschaften basieren auf der Hoffnung, dass der andere sich vielleicht doch noch verliebt, wenn man nur aufmerksam, lustig oder lieb genug ist. Man macht sich die Illusion, dass man nur geduldig sein müsste. Der Status „bester Freund“ im Leben des anderen ist immerhin besser, als auf den geliebten Menschen ganz verzichten zu müssen. Man redet sich ein, es bestehe immer noch eine Perspektive. Wenn das Objekt der stillen Begierde aber einen Partner findet, ist die Enttäuschung groß. Dann kann eine solche Freundschaft zerbrechen. Hier drängt sich die Frage auf, ob eine solche Beziehung überhaupt eine echte Freundschaft gewesen ist. Meistens ist sich die andere Seite sehr bewusst über die Sehnsucht des Freundes und es besteht die Gefahr, dass dieses Verlangen ausgenutzt wird. Man muss ihm nur immer wieder ein kleines bisschen Hoffnung machen, dann tut er alles. Schließlich will er sich ja unentbehrlich machen. Solch unausgeglichene Beziehungen tun dem Verliebten nicht gut und basieren eben nicht auf gemeinsamen Interessen oder Seelenverwandtschaft. Ob man sie als Freundschaft bezeichnen kann, ist fraglich.

Gemeinsame Interessen als Basis der Freundschaft

Freundschaften basieren auf gemeinsamen Interessen und genau dieser Punkt macht eine Freundschaft zwischen Mann und Frau so schwierig. Frauen interessieren sich in ihrer Freizeit für grundlegend andere Dinge als Männer. Das ist trotz aller Emanzipation und Gleichberechtigung so geblieben. Frauen sind emotionaler, haben das Bedürfnis, sich auszutauschen. Mit einem guten Freund möchten sie über ihre Gefühle sprechen, von ihrem Tag erzählen oder den neusten Klatsch austauschen. Reden sie dagegen mit ihrem besten Freund gern über Fußball und Weltpolitik, sind sie schnell der Typ „Kumpel“ und ärgern sich früher oder später darüber, nicht als Frau wahrgenommen und begehrt zu werden.

Männer machen traditionell ihre Gefühle eher mit sich selbst aus. Wenn sie sich mit ihren Kumpels treffen, wollen sie entspannen und über Sport, Politik oder Technik reden. Themen, die Frauen eher selten gern diskutieren. Ausnahmen bestätigen die Regel. Ohne gemeinsame Interessen kann aber keine wirklich enge Freundschaft entstehen. Und entsteht dann doch eine solche enge Freundschaft, entwickelt sie sich häufig zu einer Liebesbeziehung.

Dennoch: Wenn alle Hindernisse aus dem Weg geräumt sind, sollte eine platonische Freundschaft zwischen Mann und Frau möglich sein. Einzige und wichtigste Voraussetzung ist, dass echtes menschliches Interesse am anderen besteht und der sexuelle Part ausgeblendet wird. Auch wenn letzteres vielleicht schwer fällt, lohnt es sich, denn „von allem, was die Weisheit für die Glückseligkeit des Lebens bereitstellt, ist das weitaus Größte der Erwerb der Freundschaft.“ (Epikur)

Autorin: Elke Liermann, Platinnetz-Redaktion