Jeden Abend freut sich Luisa auf ihre Gute-Nacht-Geschichte. Eng an ihre Mama gekuschelt fiebert sie in jedem Satz mit: Wird der Prinz sein Aschenputtel doch noch finden? Wird der Wolf das Rotkäppchen fressen? Werden Hänsel und Gretel der bösen Hexe entkommen? In klassischen Märchen passieren gruselige Dinge: Kinder werden von Hexen in den Ofen gesteckt, Wölfe fressen Menschen und sprechende Geißlein, die böse Stiefmutter will das schöne Schneewittchen töten lassen, Kinder werden von Zauberern tyrannisiert oder von ihren Eltern im Wald ausgesetzt. Auch wenn am Ende immer das Gute siegt, ist die Welt der klassischen Volksmärchen keine zuckersüße Disney- Märchenwelt. Auch mit der Welt, in der die Kinder heute leben, haben Märchen scheinbar nichts mehr zu tun. Dornröschen sticht sich mit einer Spindel in den Finger. Mit einer was? Kinder treffen einen Köhler im Wald. Köhler? Was ist das und was macht das im Wald? Nicht nur, dass die Welt der Märchen von der heutigen Lebenswelt der Kinder weit entfernt ist, sie erscheint auch bedrohlich und beängstigend. Schadet man den Kindern also damit, wenn man ihnen solche Gruselgeschichten vorliest? Verlieren sie nicht das Urvertrauen, wenn sie bei „Hänsel und Gretel“ hören, dass Eltern ihre Kinder im Wald einfach ihrem Schicksal überlassen?

Märchen vermitteln bleibende Werte

Ein Märchenwald ist tatsächlich ein brutaler Ort. Trotzdem sind Kinder auch heute noch fasziniert von Märchen. Und Märchen lehren Kinder nicht nur das Fürchten. Luisa identifiziert sich mit den Märchenfiguren, deren Geschichten sie gespannt verfolgt. Hat sie sich am Tag mit der älteren Schwester gestritten, identifiziert sie sich abends mit Aschenputtel, die von ihren Schwestern drangsaliert wird. Am Ende siegt Aschenputtel und Luisa kann getröstet einschlafen. „Anderen geht es auch so wie mir“ denkt sie sich. Oder genau anders herum: Hänsel und Gretel können der Hexe nur entkommen, weil sie zusammen gehalten haben. Genauso im Märchen von Brüderchen und Schwesterchen. Auch dort kann der Fluch der bösen Zauberin nur gemeinsam gebrochen werden. Die Botschaft lautet hier: „Gemeinsam kann man alles schaffen.“ Beziehungen, Eigenschaften und Konflikte werden in Märchen aufs Wesentliche reduziert, so dass jeder seine eigene Welt darin wiedererkennen und sich an der Handlungsweise der Helden orientieren kann.

Märchen bieten konkrete Hilfe

Märchenfiguren sind immer entweder gut oder böse. Sie vermitteln menschliche Eigenschaften, Werte und Moralvorstellungen nicht durch theoretische Erklärungen, sondern am konkreten Beispiel. So wie das „tapfere Schneiderlein“, das durch Mut, Geradlinigkeit und Gewitztheit ans Ziel kommt. Das Schneiderlein begegnet allen Lebensaufgaben mit Optimismus und Sorglosigkeit und gerade dadurch meistert es alle ihm gestellten Aufgaben. „Der Wolf und die sieben Geißlein“ lehrt gleich zwei wichtige Dinge: 1.: Öffne niemals einem Fremden die Tür, auch wenn er nett zu sein scheint und 2.: Auch der Kleinste und Schwächste kann etwas schaffen. Immerhin ist es das kleinste Geißlein, das sich im Uhrenkasten versteckt und so dem bösen Wolf entkommt. Am Ende kann es alle seine Geschwister aus dem Bauch des Wolfs retten. Durch das Beispiel der Helden im Märchen lernen Kinder, dass Mut und Selbstbewusstsein, Optimismus, Liebe, Verständnis und Rücksicht gute Eigenschaften sind. Märchen lehren, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Sie beginnen immer mit einer schwierigen Lebenssituation des Helden. Aschenputtel wird von der bösen Stiefmutter tyrannisiert, die Eltern von Hänsel und Gretel haben nichts mehr zu essen, Goldmarie wird Zuhause ungerecht behandelt, Schneewittchen trachtet man gar nach dem Leben. Immer aber schaffen es die Helden im Märchen, ihre Lebenssituation durch moralisch korrektes Verhalten zum Guten zu wenden. In ihrem eigenen Leben finden Kinder die gleichen Probleme in abgeschwächter Form wieder. Unangenehme, konflikthafte Situationen kennt Luisa schon aus dem Märchen und sie weiß, wenn Bastian sie morgen im Kindergarten wieder ärgert, muss sie nicht gleich das Feld räumen, weil sie schwächer ist. Das tapfere Schneiderlein war schließlich auch schwächer, als die Riesen und hat sie trotzdem mit List besiegt. So erhalten Kinder durch Märchen wichtige Impulse für ihren eigenen Weg. Sie lernen, dass sie sich auf sich selbst verlassen können, auch wenn sie sich einmal schwach fühlen und entwickeln ein stabiles Selbstvertrauen. Barbara Berger vom Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) bringt es auf den Punkt: “Der hilfsbereite Held achtet das Kleinste und fürchtet nicht das Größte, damit erfährt er die Hilfe der ganzen (Um-)Welt. Er achtet die Natur und wird in ihre Geheimnisse eingeweiht.“ Märchen strotzen vor Symbolik, die weder den Eltern noch den Kindern beim Lesen bewusst ist. Einprägsam sind die Bilder und Vorbilder im Märchen trotzdem. Sie helfen Kindern, sich in der Welt zu orientieren, zu verstehen, was gut und was böse ist und zu lernen, wie sie ihr eigenes Leben meistern können. 

Autorin: Elke Liermann, Platinnetz-Redaktion