Früher war die Bindungsangst eher ein männliches Phänomen. Wie jedoch die amerikanischen Autoren Steven Carter und Julia Sokol in ihrem Buch Nah und doch so fern festgestellt haben, gehen auch immer mehr Frauen einer glücklichen und intensiven Liebe aus dem Weg.

Bindungsangst - typische Anzeichen

Hat Sie schon mal jemand so richtig umgarnt - um Sie gekämpft und nicht locker gelassen, bis Sie sich für ihn entschieden haben? Sie dachten alles sei perfekt, bis er sich dann plötzlich und ohne erkennbaren Grund zurückgezogen hat? Dann ist die Gefahr groß, dass Sie sich in einen Menschen mit Bindungsangst verliebt haben. Diese Männer und Frauen sehnen sich genauso nach Liebe, Geborgenheit und Gemeinsamkeit wie andere Menschen - mit dem Unterschied, dass sie echte Panik bekommen, sobald es ernst wird. Deshalb legen sie sich auch nicht gerne fest und planen lieber nicht zu weit im Voraus. Sie leiden unter Verlustängsten und oft unter einem geringen Selbstwertgefühl, was meist zu übermäßiger Eifersucht führt. Menschen mit Angst vor einer Bindung begeben sich nicht gerne in Abhängigkeit von anderen. Diese Verhaltensweisen sind Schutzmechanismen, die Nähe verhindern sollen. Denn Nähe bedeutet, dass man verletzbar ist. Und genau das wollen Menschen mit Bindungsangst bewusst oder unbewusst verhindern.

Woran liegt es

In vielen Fällen liegen die Gründe für Bindungsangst bereits in der Kindheit verankert. Dabei ist die Beziehung eines Kindes zur Mutter von entscheidender Bedeutung. Verhielt diese sich besonders distanziert gegenüber dem Kind oder dem Partner, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch der Sprössling gelernt hat, Distanz zu wahren. Hat ein Kind dagegen seine Mutter durch Scheidung oder sogar Tod verloren, besteht die Gefahr, dass es, durch die traumatisierende Erfahrung, als Erwachsener Nähe automatisch mit emotionaler Verletzung verknüpft.

Aber auch schlechte Erfahrungen in vorangegangenen Beziehungen können zu Bindungsangst führen. Wurde einmal das Vertrauen in den Partner enttäuscht, hat man es laut den Experten schwer, sich auf einen neuen Partner einzulassen. Außerdem kann ein übermäßiges Bedürfnis nach Unabhängigkeit dazu führen, dass man Angst vor einer Bindung hat, weil man befürchtet, seine Selbstständigkeit dabei aufgeben zu müssen. Hier liegt auch der Grundstein dafür, dass Frauen heute öfter unter Bindungsangst leiden als früher. Je emanzipierter die Gesellschaft wird, desto mehr Selbstständigkeit entwickeln die Frauen. Sie wollen auf eigenen Füßen stehen und begeben sich nicht mehr gerne in Abhängigkeit zu einem Mann - auch auf emotionaler Ebene.

Was Sie gegen Bindungsangst tun können

Gerade zu Beginn einer Partnerschaft mit einem Menschen, der unter Bindungsangst leidet, sollten Sie ein paar Dinge beachten.

Vorbereitet sein: In den meisten Fällen führen die Ängste der Betroffenen dazu, dass sie in häufig wechselnden und nur kurz andauernden Partnerschaften leben. Eine Studie des DFG-Forschungsprojekts zum Thema Beziehungsbiografien im sozialen Wandel hat ergeben, dass ein 45-jähriger Deutscher im Schnitt drei Beziehungen geführt hat. Verlieben Sie sich in jemanden, der ungewöhnlich viele Beziehungen gehabt hat, sollten Sie auf jeden Fall hellhörig werden.

Einfühlsam sein: Nehmen Sie die Ängste des potentiellen Partners ernst. Engen Sie ihn nicht ein und zeigen Sie ihm, dass er auch in einer Partnerschaft seine Selbstständigkeit behalten kann. Versuchen Sie, herauszufinden, wann er etwas Abstand braucht und achten Sie darauf, ihm diesen zuzugestehen, ohne dadurch den Kontakt zu verlieren.

Selbstständig bleiben: Behalten Sie vor allem selbst Ihre Eigenständigkeit. Treffen Sie sich auch mal alleine mit Freunden. So merkt Ihr Partner in spe, dass er nicht für alles, was Sie und Ihr Leben betrifft, verantwortlich ist.

Keine Versprechungen: Ringen Sie jemandem mit Bindungsängsten keine zu ernsten Liebesversprechungen ab. Das würde bei ihm nur zu Panik führen. Auch sie selbst sollten sich mit solchen Dingen zu Beginn eher zurückhalten.

Zukunftspläne: Planen Sie nicht zu weit in die Zukunft. Je mehr weitreichende Pläne Sie schmieden, desto größer wird die Belastung für Ihre junge Beziehung.

Eine Studie der Universität Mainz hat ergeben, dass Menschen mit Bindungsangst diese durch positive Erfahrungen überwinden können. Es ist also keiner ein hoffnungsloser Fall. Mit viel Vertrauen und Zuneigung lassen sich die Ängste aus der Welt räumen. Und die Chancen, an einen Menschen zu geraten, der bereit ist Überzeugungsarbeit zu leisten, stehen auch gut. Laut der Forscher verlieben sich 50 Prozent der Menschen, die ihre vergangenen Beziehungen gut und sicher geführt haben, beim nächsten Mal in bindungsunsichere Menschen.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion