Liebende, die miteinander Sex haben, gelten gesellschaftlich als „Normalfall“. Bei Sex ohne Liebe und Liebesbeziehungen ohne Sex stellen sich viele – automatisch und meistens unbewusst – die Frage nach den Gründen für das fehlende Element. Klingt vertrackt? Ist es auch! Hier lesen Sie dennoch einen Versuch, sich dem komplizierten Verhältnis von Sex und Liebe anzunähern.

Die Rolle der Biologie in der Sexualität

Rein biologisch – und damit sehr verkürzt – betrachtet erscheint die Sexualität des Menschen weniger kompliziert. Die sexuelle Anziehungskraft und die gelebte Erotik folgen dem simplen Ziel, sich zu vermehren und damit die Art zu erhalten. Doch diese kühle und distanzierte Beschreibung des Sexualtriebs wird der gesellschaftlichen Bedeutung und Realität nicht gerecht, spätestens dann, wenn man sich mit dem Thema Homosexualität befasst.

Schaut man sich die Funktion der Liebe zwischen zwei Menschen ebenfalls auf diese Art und Weise an, kommt man zu dem Schluss, dass sie dazu dient, gelebte Sexualität erst zu ermöglichen. Dies trifft den Kern zumindest schon eher als beim Beispiel Sexualität, verkennt aber ebenfalls die existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Sex findet ebenso bei One-Night-Stands zwischen nahezu fremden Personen statt, wie er in manchen langjährigen Partnerschaften fehlt.

Unterschiedliche Sex-Typen

Um den Zusammenhang von Sex und Liebe besser zu verstehen, muss man sich ansehen, warum Menschen diese oder jene Beziehungsform oder sexuelle Verhaltensweisen vorziehen. Viele langjährige Paare, die über ihre sexuelle Beziehung mit ihrem Partner reden, betonen neben dem Spaß und Erotik besonders das Gefühl der Vertrautheit und Zärtlichkeit, das sie beim Sex empfinden. Häufig wird auch die Sexualität im Alter mit diesen Begriffen in Zusammenhang beschrieben. Dies, so eine vielfach geäußerte Meinung, bedeute die eigentliche Qualität der Sexualität. In diesem Fall gehören die Aspekte Liebe und Sexualität also untrennbar miteinander zusammen.

Andere Menschen wiederum leben im wahrsten Sinne des Wortes nach dem Lust-Prinzip und ordnen ihrer sexuellen Erfüllung viele andere Aspekte ihres Lebens unter. Für sie steht Sexualität nicht im Zusammenhang mit Liebe und Zuneigung – zumindest nicht zwingend. Dies kann sich in häufig wechselnden Partnerschaften oder Liebhabern, One-Night-Stands oder auch im Besuch von Sex-Partys äußern. In diesen Fällen erfüllt Sexualität das Bedürfnis nach körperlicher sexueller Befriedigung, Selbstbestätigung und dem Verlangen nach immer neuen, aufregenden Situationen.

Personen, die auch in ihren Partnerschaften bewusst keinen Wert auf Sexualität legen, bedeuten keine der genannten Belohnungen, die durch Sexualität erreichbar sind, etwas. Sie erfahren die Nähe und Vertrautheit zu ihren Partnern eher auf einer emotionalen oder spirituellen Ebene.

Die Frage, ob und wie Sexualität und Sex zusammenhängen, lässt sich also nicht pauschal beantworten. In der Realität lassen sich auch nicht alle Menschen einem der oben beschrieben Sex-Typen zuordnen. Häufig stecken alle drei Typen mehr oder weniger ausgeprägt in uns. Die allgemeingültige Antwort zu diesem Thema gibt es – wie so häufig – nicht.

Autor: Torben Riener, Platinnetz-Redaktion