Hierzulande verstehen die meisten unter der "idealen Liebe" das Zusammentreffen von sexuellem Begehren, Zärtlichkeit, Fürsorge und einer tiefen emotionalen Verbundenheit dem Liebespartner gegenüber. Die Liebe wird in der westlichen Welt idealerweise als die Bedingung für eine Beziehung und ein gemeinsames Leben vorausgesetzt und von Künstlern im Liebesfilm oder Liebeslied romantisch verklärt. Offenbart man seinem Partner zum ersten Mal mit einem Ich liebe Dich seine wahren Gefühle, impliziert man damit gleichzeitig ernsthafte Absichten auf eine zukünftige Partnerschaft.

Wenn die Ehe kein Ich liebe Dich braucht

Auch hierzulande wurden die Ehen früher, gerade in adligen Kreisen, von den Familien arrangiert, oft auch ohne, dass die zukünftigen Eheleute sich überhaupt nur kannten. Verbunden wurden durch die Hochzeit in erster Linie die Familien, die von einer Heirat im Idealfall beide profitierten. Dabei konnte es um Geld, Ansehen oder auch um die Verbindung der jeweiligen Familiengeschäfte gehen. Während dieses Brauchtum in der westlichen Welt weitestgehend als überholt gilt, gibt es andere Kulturkreise, in denen es Bestand hat. In afrikanischen oder arabischen Ländern beispielsweise spielt die romantische Vorstellung des Paares nicht eine solch große Rolle. Die Beziehung zwischen den Eheleuten wird als großes Ganzes gesehen, dass nicht nur Einfluss auf diese beiden Individuen hat, sondern auf ein großes familiäres Umfeld, das auch bei der Wahl des Ehepartners berücksichtigt werden muss. Insofern ist die Liebe nicht die notwendige Voraussetzung für eine Hochzeit. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich um eine lebenslange lieblose Ehe handeln muss. In der Regel gehen auch die Familien davon aus, dass bei einer vermittelten Ehe irgendwann ein Ich liebe Dich ausgesprochen werden kann. Während der Ehe gewöhnen sich die Partner aneinander, lernen sich zu schätzen und dadurch auch zu lieben. Die Liebe soll sich also durch den harmonischen Alltag einstellen, nicht wie in unserer westlichen Vorstellung die Voraussetzung für einen harmonischen Alltag sein.

Auch die lebenslange Zweisamkeit und sexuelle Treue, die der Großteil der westlichen Welt als Grundvoraussetzung einer Ehe ansieht, wird in anderen Kulturen unterschiedlich gewertet. Nicht überall gibt es das Bestreben, seine Sexualität mit dem Gefühl Ich liebe Dich in einer Ehe lebenslang in Einklang zu bringen. An der Universität Wien etwa wurde anhand der Beobachtung indigener Kulturen (damit sind Völker in ihrer Ursprungskultur gemeint, die nicht durch Eroberung oder Kolonisation beeinflusst wurden) untersucht, inwiefern unsere Vorstellung von Liebe ein soziales Konstrukt ist, das sich eine Gesellschaft nach ihren eigenen Normen selbst schafft. Die Wissenschaftler wollen also herausfinden ob unsere Art der Liebe lediglich auf unseren gesellschaftlichen Konventionen aufbaut oder ob sie naturgegeben alle Menschen gleich empfinden und leben. So wird etwa in anderen Kulturen die Sexualität nicht als Teil einer umfassenden Liebe gesehen. Etwa bei den Sambia, einer Gruppe auf Neu-Guinea, leben Jungen zwischen sieben und etwa 20 Jahren gemeinsam in einem Männerhaus. Dort haben sie ausschließlich homosexuelle Kontakte, die als Ritus gelebt werden. Die Jüngeren sollen durch Fellatio die Kraft der Älteren erlangen. Erst dadurch werden sie zu vollwertigen Kriegern für ihr Volk. Mit Frauen kommen sie erst nach der Eheschließung in sexuellen Kontakt, der dann auch nur der Fortpflanzung dient. Den Wissenschaftlern zufolge kann auch in diesen indigenen Kulturen ein Gefühl von Liebe zwischen den Partnern entstehen, allerdings werden diese Gefühle nicht in der Form wie die westliche Welt sie kennt bezeichnet. Die Tatsache, dass in vielen dieser Kulturen gar kein Ausdruck für Liebe im Sprachgebrauch vorhanden ist, zeigt die unterschiedliche kulturelle Wertung der Liebe.

Lässt sich ein Ich liebe Dich erzwingen?

Dem Gedanken folgend, dass in den Kulturen, in denen die Ehen hauptsächlich arrangiert werden, die Scheidungsraten enorm geringer sind als in den westlichen Ländern, startete der US-Psychologieprofessor Robert Epstein ein Aufsehen erregendes Experiment. Da seine früheren herkömmlichen Beziehungen alle gescheitert waren, wollte er eine effektivere Methode entwickeln, um die für ihn richtige Partnerin zu finden. Seine Auffassung: "Wenn die körperliche Anziehung zu stark ist, kann sie blind machen, und viele Menschen, die glauben, verliebt zu sein, sind in Wirklichkeit nur von Lust erfüllt." Ist diese Leidenschaft dann erst einmal versiegt, merke man, dass man mit dem falschen Partner zusammen ist. Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, versuchte er zu beweisen, dass zwei Menschen, die ohne romantische Gefühle füreinander sind, lernen können, sich zu lieben. Er suchte eine Probandin, mit der er mithilfe von Paartherapie, Liebesliteratur oder speziellen Rollenspielen zu einer glücklichen, andauernden und liebevollen Beziehung finden wollte. Unter den Freiwilligen fand Epstein keine Frau, mit der er das Experiment starten wollte. Erst der Zufall brachte ihn mit der Venezolanerin Gabriela zusammen, die sich schließlich auf das Experiment einließ. Doch auch wenn sich nach einigen Monaten, eine Steigerung der Sympathie der beiden zueinander zeigte, wird er jedoch wohl nie die Worte Ich liebe Dich gehört haben, denn er musste feststellen, dass Gabrielas Gefühle zu ihm nicht nur enorm schwankten, sondern auch nie so stark waren wie die seinen ihr gegenüber. Schließlich trennten sich die beiden und gingen wieder ihre eigenen Wege. Damit konnte er nicht beweisen, dass das Gefühl der Liebe zwischen zwei Menschen sich wirklich "erzwingen" lässt.

Dass Liebe wachsen kann, auch dort wo vielleicht nicht von Anfang an der Grundstein für ein solch tiefes Gefühl gelegt sein mag, kann sich der ein oder andere ja vielleicht durchaus vorstellen. Doch entgeht den Partnern dabei wohl das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch beim ersten Treffen oder das Kribbeln im ganzen Körper beim ersten Kuss.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion