Die Midlife Crisis als psychosoziale Krise

Um mit einem Vorurteil aufzuräumen: Die Midlife-Crisis wird nicht als seelische Erkrankung definiert. Und, wie neuere Forschungen belegen, stellt sie auch keine universelle Krise im mittleren Erwachsenenalter dar; das heißt, sie findet nicht zwangsläufig statt. Die Midlife-Crisis zählt zu den entwicklungspsychologischen Krisen. Diese Krisen können in jedem Lebensalter auftreten. Nur in der Lebensmitte beschäftigen sie sich mit anderen Inhalten.

Die Besonderheiten des mittleren Alters

Mit 40 plus liegt rein statistisch etwa die Hälfte des Lebens hinter uns. Für viele Menschen die Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Fragen, die sich stellen, sind: Wo stehe ich am jetzigen Punkt meines Lebens? Bin ich zufrieden, bin ich glücklich? Habe ich meine beruflichen und privaten Lebensziele erreicht? Haben sich meine Lebensträume bewahrheitet? Möchte ich mein Leben so weiterführen wie bisher?

Dem ungestümen Gefühl der jungen Jahren, die Welt liege einem zu Füßen, weicht die Erkenntnis, dass die Möglichkeiten des Lebens begrenzt sind. Oftmals werden getroffene Entscheidungen noch einmal hinterfragt, verworfene Pläne nochmals kritisch durchleuchtet. Habe ich mich für den richtigen Partner entschieden? War es gut, meine Heimatstadt zu verlassen? Hätte ich nicht mutiger sein und meinen Traumberuf als Malerin ergreifen sollen? War es richtig, dass ich mich gegen Kinder und für die Karriere entschieden habe?

Zu diesem inneren Prozess gesellen sich auch äußere Faktoren: Mit dem Alter verändert sich der Körper, die Haare werden grau, Fältchen entstehen, die Haut ist nicht mehr so straff wie mit 16. Und auch die Gesundheit ist nicht mehr so selbstverständlich wie sie es einmal war. Ob die Betroffenen es nun am eigenen Körper erleben oder aber im Familien- oder Freundeskreis: Neben ersten Zipperlein machen sich auch ernstere Erkrankungen breit. Und auch das Thema Tod ist plötzlich nicht mehr ganz so weit entfernt.

Die entscheidende Frage ist: Wie fällt die Bilanz aus? 

Am Ende zählt, was bei der Lebensbilanz heraus kommt. Bin ich mit dem Verlauf meines Lebens überwiegend zufrieden, oder trauere ich mehr meinen verpassten Chancen nach? Bin ich mit mir im Reinen, auch wenn vielleicht nicht immer alles perfekt in meinem Leben gelaufen ist? Oder empfinde ich mein Leben als enges Korsett, das mich einzwängt oder gar zu erdrücken droht?

Ein negatives Fazit auf diese Fragen kann zu einer Midlife-Crisis führen. Begleitet wird diese Krise von Gefühlen wie Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit und Niedergeschlagenheit, die körperliche Reaktionen wie Schlafstörungen und Erschöpfungszustände nach sich ziehen. Grund genug, etwas an seinem Leben zu ändern.

Die Midlife Crisis als Chance begreifen

Optimisten würden es so bezeichnen: Das halbe Leben ist nicht schon unwiderruflich vorbei, sondern es liegt noch vor Ihnen! Und damit die Chance, es in neue Bahnen zu lenken. An einem Beruf oder einem Partner festzuhalten, der Sie nicht glücklich macht, bindet viele Energien und führt auf Dauer zu Frustration und Verbitterung. Dabei ist es nie zu spät, sich von Gewohntem zu verabschieden und neue Wege zu gehen!

Dennoch: Zu voreilig sollten Sie dabei nicht vorgehen. Sich aus einem Impuls heraus von allen Zwängen zu befreien, die Scheidung einzureichen, den Job zu kündigen und sich eine/n junge/n Geliebte/n zu nehmen, ist nicht immer der richtige Ansatz. Stellen Sie nicht alles in Frage: In den seltensten Fällen ist das bisherige Leben ausschließlich schlecht verlaufen. Und Glück lässt sich leider nicht erzwingen.

Handeln Sie lieber bedacht. Überlegen Sie, was Ihnen im Leben wichtig ist und auf was Sie verzichten können. Und lassen Sie sich Zeit mit Ihren Entscheidungen. Wenn Sie bemerken, dass Ihnen etwas im Leben fehlt, haben Sie Mut, sich neu zu orientieren. So können Sie gestärkt aus Ihrer Midlife-Crisis hervorgehen.

Autor/in: Kerstin Brenig, Platinnetz-Redaktion