Denn was nicht verboten ist, reizt auch nicht. Nirgendwo ist diese Tatsache so offensichtlich wie bei der Sexualität. In einer Gesellschaft, in der Sex zum guten Ton gehört, sinkt nach Einschätzung von Experten seit den 1980er Jahren stetig die sexuelle Aktivität in Schlafzimmern.

Keine Tabus - überall ist Sex, Sex ist über alles

„In einer Zeit, in der sexuelle Wünsche kaum noch gesellschaftlichen Zwängen unterliegen, scheint nur noch eines tabuisiert: Keinen Sex zu wollen“, äußert Heidelberger Psychologe Peter Fiedler und geht damit den Ursachen des sexuellen Wandels auf der Spur. Sexualität war noch nie so allgegenwärtig wie heute. Wohin das Auge blickt, überall begegnen uns Nacktbilder, Pornofilme, Sexspielzeuge und erotische Wäschemodels. Überall ist Sex – Sex über alles, lautet die penetrante Botschaft an die Öffentlichkeit in Zeitungen, auf Plakaten und im Fernsehen. Überflutet von Reizen geht es uns so wie Weihnachten mit den Süßigkeiten: Wir können sie einfach nicht mehr sehen.

60-jährige Ehegatten sind im Schnitt sexuell aktiver als 30-jährige Singles

Dass wir die öffentliche Intimität satt haben, belegen auch Zahlen einer Studie der Universität Göttingen von 2005. Laut dieser Umfrage hat mehr als die Hälfte aller Paare nur noch einmal im Monat Sex, auch wenn die Beziehung intakt ist. Singles tun „Es“ noch seltener. Und noch eine überraschende Nachricht: Nach einer Untersuchung des Sexualwissenschaftlers Gunter Schmidt von 2002 sind 60-jährige Paare im Schnitt sogar sexuell aktiver als 30-jährige Singles. „In dem Maß, wie die traditionelle Sexualmoral mit ihren Verboten, Sanktionen und Schuldgefühlen verschwand, machte sich scheinbar Langweile breit. Offensichtlich besaßen gerade die unerfüllten, oft verbotenen oder tabuisierten sexuellen Wünsche und Bedürfnisse eine große Triebkraft“, erklärt der Psychologe Peter Fiedler die Ergebnisse der Studien über Sexualität.

Studenten, Frauen und Homosexuelle kämpfen gemeinsam für eine Sexualität ohne Tabus

Dabei fing alles so idealistisch an, als junge Menschen im Zuge der Studentenrevolte damit begannen, sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. In diesen Prozess wurde auch die Befreiung der Sexualität mit einbezogen. Es waren vor allem Studenten, Frauen und Homosexuelle, die gemeinsam für sexuelle Gleichberechtigung und Akzeptanz kämpften. Sie forderten eine Auflockerung traditioneller Zwänge in Sachen Lust und Liebe und vor allem die Abschaffung von Tabus in der Sexualität. Die Einführung der Antibabypille in den 1960er Jahren trug wesentlich dazu bei, dass sexuelle Freiheit auch von Frauen gelebt werden konnte.

Niemand ahnte damals, dass die sexuelle Revolution uns in eine Sackgasse führt. Der damalige Wunsch nach freier Liebe wurde laut Studien vor allem bei jungen Leuten durch den Wunsch nach einer festen Beziehung mit gegenseitigem Treuegelöbnis ersetzt. Hemmungslose sexuelle Freizügigkeit geht Hand in Hand mit toten Hosen. Unsere sexuelle Gewohnheiten stehen im Wandel: Während sich Unlust in den Betten breit macht, entwickelt sich die Masturbation von einer Ersatzbefriedigung zur eigenständigen Sexualpraktik. Und anders als noch vor einer Generation geht die Initiative zum Sex mittlerweile meist von Frauen aus.

Eine tabulose Sexualität hat aber nicht nur Nachteile. Es ist ihr Verdienst, dass Menschen heutzutage nicht mehr nach ihrer sexuellen Orientierung beurteilt werden. Auch die Tatsache, dass die sexuelle Initiative heutzutage eher von Frauen ausgeht, fördert die Gleichberechtigung der Geschlechter. Das Wichtigste ist aber, dass man mit seiner gelebten Sexualität zufrieden ist – egal ob mit 17 oder 57. Und das sind wir, zumindest laut Studienergebnissen. Und mal ehrlich: die Rückkehr in die alten Zeiten wünscht sich auch keiner wirklich!

Autor: Angelika Berenboim, Platinnetz-Redaktion