Das Kamasutra entstand wahrscheinlich zwischen 200 und 300 nach Christus. Der Text stammt aus Indien und lehnte sich gegen die religiösen Vorstellungen auf, die den Menschen in allen Details seines Lebens einschränkten. Das indische Kastensystem schrieb jedem genau vor, was er, gemessen an seinem gesellschaftlichen Stand, zu tun und zu lassen hatte. Das Kamasutra wehrte sich gegen die gesetzlich anmutenden Anstandsregeln und gegen die gesellschaftlichen Vorstellungen, was man in sexueller Hinsicht tun durfte, ohne in Verruf zu geraten, und was nicht.

Die Erotik im Kamasutra als Lebenshilfe

Der Schwerpunkt des Originaltextes liegt nicht auf den Illustrationen verschiedenster Stellungen, auf die es heute meistens reduziert wird. Im altindischen Glauben, der dem Kamasutra zugrunde liegt, gibt es drei Lebensziele: Dharma (das spirituelle Wohl), Artha (materieller Reichtum) und Kama (sinnlicher Genuss). Das Kamasutra bietet eine Anleitung zur Erreichung des höchsten sinnlichen Genusses. Dies ist jedoch nicht gleichbedeutend mit sexueller Wolllust, sondern meint die allgemeine Lebenskunst, erotische Erfüllung zu erreichen. Dazu gehören beispielsweise auch Umarmungen und Küsse, das Wissen um die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Erotik, Möglichkeiten zur Annäherung an einen potentiellen Partner oder die Kunst der Verführung. Das Kamasutra verrät praktische erotische Tipps, Geheimmittel zur Steigerung der sexuellen Lust und eben auch Beschreibungen verschiedener Stellungen beim Sex.

Das Kamasutra ist keine pure pornographische Schrift, wie sie gerade in Europa oft fehlinterpretiert wurde. Papst und Kirche verteufelten das Werk, sahen und sehen im Sex lediglich den Akt zur Fortpflanzung. Die spirituelle Intention des Buches, die im Streben nach sexueller Befriedigung und einem positiven Bild von Körperlichkeit besteht, fand im Christentum keinerlei Verständnis. Deshalb gilt Das Kamasutra im christlichen Glauben auch heute noch als pornografisches "Schmuddel-Buch".

Erotik: Das Kamasutra als Anregung

"Bei uns kauft schon hin und wieder mal jemand Das Kamasutra", erzählt Gabi (52). Sie sitzt an der Kasse eines Buchladens und gibt zu: "Wenn jemand mit einer Ausgabe zur Kasse kommt, musste ich mich immer ein bisschen zusammenreissen, um nicht zu grinsen. Aber neulich bin ich dann doch neugierig geworden und hab mir das Buch selber gekauft. Jetzt finde ich es nicht mehr peinlich, wenn jemand damit vor mir steht. Ich hoffe, dass derjenige genau soviel Inspiration darin findet wie ich". Gabi hat ihre anfängliche Scheu vor dem Kamasutra überwunden und ist froh darüber. Viele Menschen sind aber einfach zu schüchtern, um selbst mal einen Blick hinein zu werfen. Dabei werden gerade aufgeschlossene und experimentierfreudige Paare viele Anregungen daraus ziehen können. Letztendlich bleibt ja jedem selbst überlassen, ob er sich an die akrobatischen Meisterleistungen bei den Stellungen heranwagen möchte oder sich von ihnen nur inspirieren lässt. Für Abwechslung im Schlafzimmer sorgen die Praktiken des Kamasutras in jedem Fall.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion