Angestoßen wurde diese Kampagne vom "Reichsverband für sexuelle Aufklärung" (RFSU), der seit 1933 für einen unbefangeneren Umgang der Schweden mit dem Thema Sexualität arbeitet. So setzte sich der gemeinnützige Verein in der Vergangenheit schon für den freien Verkauf von Kondomen und eine liberalere Abtreibungs-Gesetzgebung in Schweden ein. Aufklärungsarbeit an Schulen steht heute genau so auf ihrem Plan wie die Durchsetzung einheitlicher Abtreibungsregeln in der EU. Und so kann man seit neuestem neben dem Tee gegen die Blasenentzündung und den Kopfschmerztabletten eben auch Sexspielzeuge in der Apotheke kaufen.

Die Hälfte der Schweden besitzt Sexspielzeuge

Die schwedischen Sexualaufklärer näherten sich, so wie bei ihren anderen Themen, auch dem Thema Sexspielzeuge rein wissenschaftlich. Vor Beginn der Kampagne führten sie eine Konsumentenbefragung durch und fanden heraus, dass rund 50 Prozent der Schweden Sexspielzeuge Zuhause haben. Das Thema spielt für die Menschen also offensichtlich eine Rolle. Da die bisher vertriebenen Sexspielzeuge oft von nur mangelhafter Qualität waren, wollte der RFSU ein System einführen, dass es den Verbrauchern in Zukunft erleichtern soll, qualitativ hochwertige Sex-Toys kaufen zu können. Dazu gehöre auch, dass die Verbraucher ohne Scheu und Scham defekte Vibratoren und Co reklamieren können. Das Ziel der Kampagne ist es, das Sexspielzeug "ans Tageslicht zu holen", sagt Katarina Knutz vom RFSU. Und dies kann ihr Verein, gehört ihm doch ein gleichnamiges Handelsunternehmen, das die Apotheken mit dem qualitativ hochwertigen Sex-Toys beliefert.

Sexspielzeuge als Teil des Wohlbefindens

Der RFSU sieht in seiner Kampagne vor allem auch eine Möglichkeit, die Lebensqualität der Schweden steigern zu können. "Vor allem für junge Menschen ist ein Dildo etwas Selbstverständliches, ein Teil des Wohlbefindens", sagt die Vereins-Vorsitzende Lena Lennerhed. Sie ist überzeugt, dass es für viele Schweden eine Erleichterung ist, Sexspielzeuge nun in einer "stubenreinen" Atmosphäre abseits von Rotlicht und Bahnhofsviertel kaufen zu können. Die Apotheke als ein Ort wo man normalerweise Medikamente kauft sei genau der richtige Ort, um Sexspielzeuge zu verkaufen. Schließlich wissen wir, "dass das Sexualleben einen wichtigen Teil unseres Wohlbefindens und unserer Gesundheit ausmacht", sagt eine Sprecherin des Staatsmonopolisten Apoteket. Die staatlichen Apotheken wollen mit der Aktion auch das Thema Sexspielzeuge "entdramatisieren" und es als natürlichen Teil der Sexualität erkennbar machen.

Erfolg des Testlaufs

Die Schweden finden die Aktion des RFSU gut. Wie der Fernsehsender SVT berichtete, machen mehr als doppelt so viele Skandinavierinnen als erwartet von der Möglichkeit, Sexspielzeuge in Apotheken zu kaufen Gebrauch. "Gerade Frauen um die 50 nehmen das Angebot gerne an", erzählt eine Apotheken-Verkäuferin. "Sie fühlen sich hier einfach wohler und sicherer als in einem Sexshop." Auch für die Verkäuferin war es zu Anfang ungewohnt, mit Ihren Kunden über Sex zu sprechen und sie zum Thema Sexspielzeuge zu beraten. "Nach einiger Zeit hat man sich aber daran gewöhnt und es ist nichts Besonderes mehr." Ob sie sich vorstellen könne, dass dieses Konzept auch in anderen Ländern funktionieren würde? "Ja klar, auf jeden Fall. Wir haben eine positive Resonanz. Warum sollte das woanders nicht auch so sein?"

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion