Das Tagebuch – Kraftquelle mit Geschichte

Franz Kafka, Anne Frank, John Lennon oder Kurt Cobain: Sie alle haben es getan. Sie haben Tagebuch geführt. Wie viele andere hielten sie Gedanken, Gefühle und Ereignisse schriftlich fest, um sie zu ordnen und zu verstehen. Damit folgen sie einer langen Tradition des Tagebuchschreibens, die auch heute noch aktuell ist.

Genauer gesagt folgen sie einer sehr, sehr langen Tradition, denn Vorläufer des Tagebuchs existierten schon in der Antike. Dabei handelte es sich allerdings um tagesaktuelle Aufzeichnungen von Preisen, Wasserständen, Wetterverhältnissen oder den Taten des jeweiligen Herrschers. Im Mittelalter übernahmen dann Chroniken und Logbücher diese Aufgabe. Alle Dinge und Geschehnisse, die für die Gemeinschaft wichtig waren, wurden von Mönchen schriftlich festgehalten. Das Tagebuch im heutigen Sinn entstammt der Renaissance und hat sich im 19. Jahrhundert endgültig durchgesetzt.

Das Tagebuch – Ein Blick zurück

Mit der Renaissance entsteht zum ersten Mal in der Geschichte ein Ich-Bewusstsein im Menschen. Jetzt erst bekommen Meinungen und Gefühle eines Einzelnen eine Bedeutung. Der Mensch beginnt, sich selbst als Individuum zu betrachten, seine Gefühle wahr zu nehmen und bildet sich eine eigene Meinung zu den Geschehnissen um ihn herum. Man setzt sich mit sich selbst und mit seiner Umgebung auseinander. Statt die Geschehnisse der Stadtgeschichte nieder zu schreiben, sind es nun die persönlichen Themen, die Einzug ins Tagebuch halten. Alle Eindrücke und Emotionen will man nun festhalten, analysieren und deuten. Begünstigt wird der Trend, ein Tagebuch zu führen, durch die zunehmende Verbreitung von Papier, das im Gegensatz zum Pergament oder Papyrus ein erschwingliches Schreibmaterial ist. Zumindest für diejenigen, die das Schreiben gelernt haben, denn das bleibt lange Zeit noch der Oberschicht vorbehalten.

Im 19. Jahrhundert setzte sich das Tagebuch in einer breiten Bevölkerungsschicht durch. Die Gesellschaft verlangte vom Menschen Selbstbeobachtung, Selbstkontrolle und ständige Weiterentwicklung der Persönlichkeit durch Reflexion und Bildung. Das bereitete den Boden für das Tagebuch. Es wurde nun endgültig zum Medium für Gedanken, Gefühle, Hoffnungen und Wünsche. Im romantischen 19. Jahrhundert war das Tagebuch zwar privat aber keinesfalls geheim: Es wurde zur Mode, sich unter Freunden gegenseitig aus dem jeweiligen Tagebuch vor zu lesen. Das galt für Frauen ebenso wie für junge Männer. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich so eine weit verbreitete Kultur des Tagebuchschreibens. Heute ist das Tagebuch wieder ins Geheime zurückgekehrt. Man schreibt von sich und für sich. Niemand soll Einblicke in die tiefsten Regungen der Seele erhalten.

Es gibt keine Vorschriften zum Führen eines Tagebuchs und so unterschiedlich wie die Menschen selbst, sind auch ihre Tagebücher. Manche beschränken sich darauf, Texte zu schreiben, andere kleben Erinnerungsstücke mit ein oder malen und zeichnen etwas dazu. Jeder hat seine eigene Art, Gefühle auszudrücken und zu Papier zu bringen. Dabei haben vor allem Mädchen und Frauen die Nase vorn.

Wie Tagebuch schreiben der Seele helfen kann

Oft hetzt man den ganzen Tag von einem Termin zum nächsten und hat keine Zeit für sich. Abends schwirrt einem dann der Kopf und man überlegt schon, was der nächste Tag bringen wird. Am Abend eines hektischen Tages alle Erlebnisse in sein Tagebuch zu schreiben, kann helfen, die Dinge zu ordnen und Prioritäten zu setzen. Man gewinnt Abstand vom Alltag und kann sich wieder auf sich selbst und auf die Themen, die einem wichtig sind, besinnen.

Das Schreiben kann auch bei der persönlichen Entwicklung helfen. Im Tagebuch kann man verworrene Gefühle ordnen und der Seele Erleichterung verschaffen. So kann man verborgene Wünsche und Bedürfnisse entdecken und aus Erfahrungen lernen. Beim Schmökern im alten Tagebuch fällt auf: Den Fehler habe ich damals schon einmal gemacht! Diesmal mache ich es anders. Im Tagebuch kann man sich Stress und Ärger und alle schlechten Gefühle von der Seele schreiben oder gute und schöne Momente festhalten. So kann man sich in schlechten Zeiten daran erinnern, dass es nicht immer so war und dass es auch einmal wieder besser wird.

Über sich selbst und seine Gefühle zu schreiben, erfordert intensives Nachdenken. Man muss in sich hinein hören: Was empfinde ich genau? Ist es Wut, Enttäuschung, Trauer? Worüber freue ich mich? Was hat mir heute gut getan? Durch welche Begebenheit wurden diese Gefühle ausgelöst? Was sagt das über meine Bedürfnisse?

Da der intensive Blick nach innen dabei helfen kann, Krisen zu überwinden, nutzen auch Psychotherapeuten das Tagebuch als Mittel der Therapie. Aus den Aufzeichnungen der Patienten kann der Therapeut dann Rückschlüsse auf das Selbstbild ziehen und weiß, was den Patienten im Innersten bewegt und wo die Therapie ansetzen muss. Aber auch für alle anderen kann das Führen eines Tagebuchs hilfreich sein. So wird es zum Spiegel der Seele und zur Chronik des eigenen Lebens, die man immer wieder gern zur Hand nimmt.

Autorin: Elke Liermann, Platinnetz-Redaktion

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