Faszination Schlager – geliebt und gehasst

"Wahnsinn, warum schickst Du mich in die Hölle…" und "Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde…": Textzeilen wie diese kennt wohl fast jeder. Ob Schlagerfan, Ballermann- Urlauber oder Karnevalist – Schlager haben einen weiten Wirkungskreis. Von den einen geliebt, von anderen gehasst. Was ist besonders am Schlager?

Zum ersten Mal lässt sich der Begriff Schlager um das Jahr 1870 nachweisen. In Wien, der Hauptstadt der Oper und Operetten, feierte der Walzerkönig Johann Strauss seine Erfolge beim begeisterten Publikum. Ihn kann man als Ahnherren der Unterhaltungsmusik ansehen, seine Operette "Die Fledermaus" enthält jede Menge Schlager. Doch im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung und Art des deutschen Schlagers deutlich verändert. Welcher Wandel brachte den Schlagervon der Oper zum Ballermann?

Schlager nach dem Zweiten Weltkrieg

Das Land liegt in Trümmern und seit Kriegsende haben die Deutschen mit Tradition, Identität und Vaterland ein Problem. Die traditionelle deutsche Volksmusik gilt als generell ideologisch verdächtig und verschwindet von den musikalischen Bühnen des Landes. Als Ersatz erstarkt der Schlager zur neuen Kraft. Durch eingängige Melodien und harmonische Texte ist er Balsam für die geschundene deutsche Volksseele. Die Sehnsucht der Deutschen nach einer heilen Welt wird zumindest in der Schlagermusik gestillt. Die Texte handeln von Liebe, Fernweh und Herzschmerz – während der Westen Deutschlands seit 1950 in den Süden verreist, können die Menschen im Osten nur von Capri träumen. Freddy Quinn wird durch Lieder wie "Die Gitarre und das Meer", "Junge komm bald wieder" und "Unter fremden Sternen" zum erfolgreichsten Schlagersänger aller Zeiten. So tritt er auch 1956 beim ersten Grand Prix Eurovision an. Dieser Wettbewerb wird zum europäischen Synonym für Schlagermusik. Der Schlager schafft es auch ohne politische Texte, die Volksstimmung widerzuspiegeln. Durch die Trennung von Ost und West bekommen selbst unpolitische Schlager, wie der DDR-Schlager "Wenn wir gehen, dann gehen wir alle", eine doppelte Bedeutung.

Schlager und Neue Deutsche Welle

Mitte der 1960er Jahre erfährt die Popularität des deutschen Schlagers einen Einbruch. Englisch-sprachige Musik, allen voran die Beatles, verdrängen den Schlager aus den Hitparaden. Doch die Verbreitung des Fernsehens Anfang der 70er Jahre verhilft dem Schlager zu neuem Ansehen. Die ZDF-Hitparade wird DIE Plattform für den deutschen Schlager und verhilft ihm und Sängern wie Roy Black zu generationsübergreifender Popularität. In den 1980ern jedoch verliert Schlagermusik zunehmend an Bedeutung. Sie wird von der Neuen Deutschen Welle (NDW) abgelöst und in Folge dessen totgesagt. Die neue NDW-Mischung aus simplen deutschen Texten und Popmusik erfüllt den Publikumswunsch nach Party-Musik.

Guildo Horn und der Ballermann

In den 1990er Jahren erlebten die 70er eine Renaissance. Schlaghosen, farbenfrohe Kleidung und große Sonnenbrillen feierten ihre Rückkehr. Der Retro-Look führte zu einem Wiedererstarken des deutschen Schlagers. Sänger wie Guildo Horn begeisterten das Publikum. Der Schlager wird bunter, schriller und lauter, als er das in den 1950ern gewesen war. Immer mehr rutscht er in Richtung Party-Musik, wird beispielsweise zum Dauerbrenner im Karneval. Die Texte kann spätestens nach dem dritten Hören jeder mitsingen. Und obwohl seit 1997 Veranstaltungen wie der Schlagermove in Hamburg, dem in den nächsten Jahren immer mehr Schlager-Paraden folgen, eine breite Masse zum feiern bringt, wird im Jahr 2000 die Schlager-Sendung ZDF-Hitparade endgültig abgesetzt. Der Grand Prix Eurovision heißt inzwischen Eurovision Song Contest und hat mit der ursprünglichen Plattform für den Schlager nicht mehr viel zu tun. Immer mehr Popmusik, vor allem auch englisch-sprachige Musik, gibt dem Wettbewerb ein neues Gesicht.
Doch trotzdem erreicht Schlagermusik die Menschen noch. Auf der mallorcinischen Partymeile Ballermann ist der Schlager ein Synonym für exzessives Feiern. So tritt "Der König von Mallorca" Jürgen Drews jede Woche in den einschlägigen Clubs auf. Genauso wie "Dschungelkönig" Costa Cordalis und "Big Brother-Veteran" Jürgen Milski.

Der Schlager hat sich in verschiedene Lager geteilt, die bei großen Schlager-Partys und -Festivals aber vereint miteinander feiern. Echte Fans des alten klassischen Schlagers lassen sich vom veränderten Party-Image ihrer Lieblingsmusik nicht abschrecken und schunkeln weiterhin einträchtig zu Udo Jürgens und Cindy&Bert. Die anderen feiern mit Hits wie "10 nackte Frisösen" oder "Bunte Kuh" feucht-fröhlich wie am Ballermann. Wer mit beiden Fraktionen nichts anfangen kann, sollte nicht nur Schlager-Partys und dem Ballermann aus dem Weg gehen, sondern auch Volksfesten, wo der Schlager noch immer ein fester Bestandteil des Bühnenprogramms ist.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion

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