Bei der Bank

Nach dem Schlaganfall seiner Frau möchte Ilse Bibertis Vater Sicherheitsvorkehrungen treffen und seiner Tochter Vollmachten ausstellen. Unter anderem auch eine Kontovollmacht.
Am nächsten Morgen begleite ich meinen Vater zu seiner Bank: »Deine Mutter fällt jetzt aus. Du brauchst eine Vollmacht zu meinem Konto, wenn mir was passiert, musst du für uns sorgen können.« Jetzt stehen wir in der Reihe vor einem der Schalter, warten. Das Stehen fällt ihm schwer. Einen Stuhl im Wartebereich gibt es nicht. Wieso gibt es keinen Schalter für Senioren und Schwangere?
Mein Vater brüllt mir ins Ohr. Er denkt natürlich, dass er mir leise und diskret mitteilt: »Du hörst dann gut hin ja, ich verstehe den immer nicht, der kriegt seine Zähne nicht auseinander.« Alle Köpfe drehen sich uns zu. »Mach ich.« Endlich kommen wir dran. Mein Vater bestellt für mich eine Bankvollmacht über seinen Tod hinaus. Der Bankangestellte nuschelt vor sich hin. Auch ich verstehe ihn kaum. Er spricht mit mir über meinen Vater, der direkt vor ihm steht, als wäre er nicht anwesend. Ungerührt wiederhole ich die Worte des Bankangestellten laut und langsam, dass mein Vater sie verstehen kann. Frage ihn, was er möchte. Der Bankangestellte nuschelt nasal nölend weiter.

Irgendwann reicht es mir. Am liebsten würde ich den Krawattenträger an seinem geschmacklosen Disney-Binder über den Tresen ziehen: Mein Vater ist nicht blöd, er hört nur schwer. Tatsächlich erkläre ich gezügelt höflich: »Übrigens ist Herr Pfeiffer, mein Vater, seit 70 Jahren Kunde in dieser Filiale und sogar noch  länger Kunde Ihres Instituts. Ich werde wohl meinen Vater dahingehend beraten müssen, die Bank zu wechseln. « Der Typ versteht nicht oder tut er nur so? Also Klartext: »Sie sind unhöflich und verhalten sich der Situation nicht angemessen. Um eine diskrete Beratung durchführen zu können, hätten Sie uns in eine Ihrer Beratungszellen einladen können. Ist Ihnen nicht aufgefallen, dass es meinen Vater sehr anstrengt, zu stehen? Sie reden weiterhin in einer Lautstärke und einem Tempo, dass mein Vater Sie nicht verstehen kann. Darf ich Ihnen mal vorrechnen, was Ihr Arbeitgeber an meinem Vater und seiner Kanzlei in den letzten 70 Jahren verdient hat?« Meinem Vater sind meine Ausführungen peinlich. Der Bankangestellte bleibt borniert. Der Filialleiter schaut von seinem Schreibtisch auf, sonst nix, er ist neu hier. Seit einiger Zeit findet ein Personalkarussell statt. Persönliche Bindungen werden bewusst zerschlagen: Ein totales Fehlmanagement am Kunden!

Mein Vater möchte noch Bargeld vom Schalter holen. Das geht nicht mehr in der Filiale. Der Geldschalter ist abgeschafft. Nur noch am Automaten im gläsernen Vorraum der Bank kann man sein Geld abheben. Mein Vater hat jedoch die PIN-Nummer nie aktiviert. Über eine einmalige Hilfsnummer bekommen wir, vom Bankangestellten assistiert, Geld am Automaten. Ohne den Tresen zwischen uns wird er zugänglicher. Dieser Service ist aber ab sofort auch nicht mehr möglich, erklärt er uns, immerhin bedauernd. Wenn alle Kunden über 60 ihre Konten, Depots, etc. abziehen würden, wäre selbst die Deutsche Bank pleite. Dieser fehlende Service stinkt zum Himmel! Wieso begreifen ausgerechnet diese Geldexperten nicht, welchen ökonomischen Schaden sie sich mit dieser Art von Kundenmissachtung zufügen? Es läge doch auch in ihrem ureigenen Interesse, Kunden zu binden … Die Generation der 68er-Bewegung ist heute um 68 Jahre alt! Wann kommen die Impulse für ein neues Altersverständnis?

Ilse Biberti (2009): Hilfe, meine Eltern sind alt. Südwest Verlag. S. 100, 101.

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