Die Diagnose

Ilse Biberti pflegt nach einem Schlaganfall ihre Mutter. Ihren Vater empfindet sie dabei oft sehr anstrengend und hoffnungslos pessimistisch, ohne dass sie wirklich verstehen kann, warum er sich so verhält.

Am nächsten Tag kommt eine Gutachterin vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse. Ich hatte einen Antrag auf Pflegestufe gestellt. Sie will für die Pflegekasse überprüfen, ob mein Vater einen Anspruch hat. Als ich die Tür öffne, erkenne ich, dass es die gleiche Gutachterin ist, die auch meine Mutter untersucht hat. Spontan entfährt ihr vor einer Begrüßung: »Sie sehen aber scheiße aus!« Wir müssen beide lachen.

Ich bitte sie, sich nicht als Gutachterin der Pflegeversicherung vorzustellen, mein Vater würde sofort alle Antworten verweigern, er möchte für sich nichts beanspruchen.« Die Gutachterin stimmt zu. Ich humple an einer Krücke ins Wohnzimmer vor, kündige sie als eine Bekannte aus dem medizinischen Bereich an, die sich von seinem Befinden ein Bild machen möchte. Vielleicht kann sie uns helfen. Bereitwillig beantwortet mein Vater alle Fragen. Er ist nicht in der Zeit orientiert, hat kein Kurzzeitgedächtnis. Die Gutachterin sieht sich auch sein Schlafzimmer an und das Arbeitszimmer. Mit Blick auf seine Dekorationen sagt sie: »Gut, ich hab alles gesehen. Ich schreibe mein Gutachten. Sie hören dann von der Krankenkasse.«

Wir verabschieden sie, ich bringe sie zur Tür, sie schaut mich freundlich an. »Sie wissen, dass Ihr Vater Alzheimer hat?« Seit diesem Moment weiß ich, was gemeint ist, wenn es heißt, man verliert den Boden unter den Füßen. Ich stehe ohne jedes Gefühl, falle innerlich ins Bodenlose. Es rauscht in mir, ich sehe nur noch Strukturen, als wenn ich an einem endlosen Strichcode vorbeirase:
»NNNNNNNNeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnn.« Irgendwie verabschiede ich die Gutachterin. Die Tür ist zu. Ich kann nicht mehr stehen, lege mich platt auf den Boden. Spüre mich weiter im freien Fall. Mein Kreislauf fährt Amok. Zwischen Ohnmacht und Wahnsinn. Mein Geist möchte gern abhauen. Es ist verlockend … Das Leben ist zu kurz für ein »Ja. Aber …«! Das ist mein Leitspruch seit Langem, also weiter, marsch.

In einem Badewannentagtraum renne ich über dünnes Eis, hinter mir knackt es unaufhörlich, Risse springen nach rechts und links, manche überholen mich. »Ich bin ein Möbelstück, ein leeres sinnloses Möbelstück«, höre ich meinen Vater sagen. Ich renne über Wasser … Erreiche ich das andere Ufer? Und was bedeutet das?

 

Ilse Biberti (2009): Hilfe, meine Eltern sind alt. Südwest Verlag. S. 224, 225.

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