Im Krankenhaus

Nachdem Ilse Biberti die Nachricht vom Schlaganfall ihrer Mutter erreicht hatte, fährt sie sofort in die Wohnung ihrer Eltern. Dort findet Sie ihre Mutter, die sich nicht mehr normal artikulieren kann. Ein Neurologe rät ihr, ihre Mutter ins Krankenhaus zu bringen.

Das hier ist ein Krankenhaus, eben nicht ein Haus der Gesundheit, obwohl das passender wäre, denn hier läuft alles zusammen, was die Menschen gesund machen soll. Warum also heißt es nicht Gesundungshaus? Mir wird klar, wieso ich die Bezeichnung Krankenhaus noch nie mochte. Die Wege der Gesunden und Krankgebliebenen trennen sich hier. Und die Toten haben sowieso ihren eigenen Weg.

Denken oder nicht denken: Vor meinem inneren Auge sehe ich meine Mutter zu Hause mit meinem Vater am Esstisch sitzen, telefonieren und mich anlachen. Warum soll das nicht wieder so sein? Ich wünsche mir für sie ein gutes Leben, wenn es schon sein muss: einen »guten Übergang«, kein Siechtum. Wer wünscht seinen Lieben, sich selbst das nicht? Was verstehe ich eigentlich unter einem »guten Übergang«? Das ist doch alles theoretisches Gequatsche. Als Teeny habe ich Kübler-Ross gelesen. Zu meinem Fernsehspiel »Letzte Tage« mit Hannelore Elsner eine größere Recherche gemacht, aber das war 1985. Damals gab es die Diskussion über Sterbehilfe durch Dr. Köhnlechner. Ich werde über den Übergang, den Tod ein andermal nachdenken. Ich atme durch: Nun, jetzt ist jetzt. Jetzt leben wir, und jetzt ist Nachmittag, Sonne und die Erdbeerschnitten von Bäcker Mann sind noch nicht verputzt worden.

Mit frischem Mut eile ich zurück in die Station. Die Tür des gegenüberliegenden Krankenzimmers steht offen, das Bett ist leer. Die Tür zum Zimmer meiner Mutter steht auch offen. Ich sehe zwei alte Damen am Tisch sitzen: meine Mutter auf dem Kunststoffsessel und eine Dame ihr gegenüber im Klinik-Nachthemd, hinten offen, auf dem abgedeckten Toilettenstuhl. Beide zerkrümeln mit ihren Gabeln den Erdbeerkuchen über Teller und Tisch, unterhalten sich lebhaft: »Kanabe fila grippnup«, erklärt die Besucherin in rauem Bass. Meine Mutter nickt erfreut: »Raput samste haden.« Sie lacht, führt die Gabel mit Kuchen zum Mund. Auf dem Weg dahin fällt der Kuchen runter, sie steckt die leere Gabel in den Mund. Merkt es aber nicht. Sie spricht, als ob er voll wäre, weiter: »Schlagse namm pohu, waret nen kömlü.« Die andere Dame unterbricht sie lachend: »Kömlü!!! Vase kann malse ne gulopp.« Sie will eine Erdbeere aufspießen, doch die glibscht weg, fliegt mir entgegen. »Helmut!«, meine Mutter strahlt mich an. Ganz Dame stellt sie mich mit einladender Geste ihrer linken Hand vor: »Helmut.« Die übermütige Stimmung steckt mich in Millisekunden an. Eine halbe Stunde lang lachen wir, genießen im dadaistischen Stil die Freude von Herz zu Herz.

Später werde ich von der Logopädin erfahren, dass dem Gehirn die Worte, die am stärksten emotional verankert sind, egal mit welchem Gefühl, ob mit Liebe oder mit Hass, als Erstes zur Verfügung stehen. Helmut, die große Liebe meiner Mutter, setzt sie jetzt als Synonym für alles, was ihr gut und lieb ist, ein. Immerhin mein Vater ist Helmut. Ich bin Helmut. Wir werden von ihr geliebt!

 

Ilse Biberti (2009): Hilfe, meine Eltern sind alt. Südwest Verlag. S. 69 bis 71.

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