Hotel Mama – 30 und noch zu Hause

Immer länger bleiben Kinder im elterlichen Haus, anstatt auszuziehen und auf eigenen Beinen zu stehen. Vor allem deutsche Männer wohnen gerne lange im Hotel Mama. Ist es einfach nur bequem oder sorgen steigende Lebenshaltungskosten bei zeitgleichem Arbeitsmangel für die viele Nesthocker in deutschen Landen?

Früher war alles anders. Kaum wurde der Nachwuchs 18 Jahre alt, wurden Koffer und Kartons gepackt. Nichts wie raus aus dem Elternhaus war noch in den 70ern das Motto der meisten Jugendlichen. Laut statistischem Bundesamt lebten 1972 nur etwa 20 Prozent der 25-Jährigen in Westdeutschland noch bei den Eltern. 30 Jahre später waren es dagegen schon 29 Prozent. Und dieser Trend ist weiter gestiegen. Dabei ziehen Frauen im Schnitt deutlich früher aus als Männer: Im März 2004 lebte noch fast die Hälfte der 24-jährigen männlichen Bevölkerung (47 Prozent) bei Muttern. Die weibliche Quote zeigt, dass Frauen dagegen bereits im Alter von 22 Jahren nur noch zu 44 Prozent daheim sind. Auch bei den 30-Jährigen ist der Unterschied deutlich: Im Gegensatz zu 14 Prozent der Männer, sind nur 5 Prozent der Frauen noch zu Hause.

Hotel Mama – der finanzielle Aspekt

Die Psychologin Christiane Papastefanou ist Expertin für das Thema "Nesthocker". Sie betont, dass der Hauptgrund für deren ansteigende Anzahl nicht in der Angst vor Selbstständigkeit liegt. Auf dem Arbeitsmarkt finden selbst hochqualifizierte Absolventen oder Ausgebildete nicht sofort einen Arbeitsplatz. Weder Ausbildung noch Studium sind heutzutage eine Garantie für einen soliden Verdienst. Oft müssen die Jugendlichen gerade am Anfang einen sehr geringen Lohn in Kauf nehmen, um überhaupt eine Stelle zu ergattern. Und dieses verdiente Geld reicht laut Papastefanou in den meisten Fällen einfach nicht aus, um auszuziehen. Auch Eltern könnten Ihren Sprösslingen dabei immer weniger unter die Arme greifen. Verschärft werde das Problem durch die hohe Scheidungsrate, die viele Alleinerziehende zurücklasse, die einen frühen Auszug ihres Kindes nicht finanziell unterstützen könnten.

Hotel Mama – die Bequemlichkeit

Neben dem finanziellen, gibt es natürlich auch noch den Aspekt der Bequemlichkeit. Hotel Mama hat eben Vollpension – für einige auch ein Grund, so lange wie möglich im gemachten Nest zu bleiben. Während die Jugendlichen der 70er Jahre noch gegen die Eltern rebellierten und so schnell wie möglich ihre Füße nicht mehr unter den Tisch der maßregelnden Eltern stellen wollten, ist eine Rebellion heute kaum noch nötig. Viele der jetzigen Eltern sind eben selbst Kinder der 70er und erziehen ihren Nachwuchs weniger autoritär. Die Generationskonflikte sind in dieser Konstellation gering und Kinder und Eltern verstehen sich generell gut, so dass eine Nestflucht wegen Streitigkeiten relativ selten nötig ist. Die Folge des Nesthockens kann laut Papastefanou jedoch eine Verzögerung in der normalen Entwicklung des Kindes nach sich ziehen. Experten sprechen dabei von "Adoleszenzverspätungen", deren typischen Merkmale ein verspäteter erster sexueller Kontakt, spätere Selbstständigkeit und ein tendenziell jüngerer Freundeskreis sind. Mangelnde Selbstständigkeit jedoch ist nicht unbedingt ein Zeichen für Spätauszieher. Laut Papastefanou "gibt es junge Leute, die zu Hause wohnen und alles alleine machen und es gibt welche, die ausgezogen sind, und die Mutter putzt die Wohnung."
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im Bezug auf seine Nesthocker übrigens im Mittelfeld. Laut Statistischem Amt der Europäischen Gemeinschaft (Eurostat) lebten im Jahr 2005 in der EU durchschnittlich 66 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer im Alter von 18-24 Jahren noch zu Hause. In Deutschland lag der Anteil zwischen 50-56 Prozent.

Autorin: Anne Bartel, Platinnetz-Redaktion

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