Jugendsprache – ein Buch mit sieben Siegeln?

„Der Schneckenchecker hat seinem Filet die Stornokarte gezeigt.“ Und Sie verstehen Ihr eigenes Kind oder Enkelkind nicht mehr? Haben sie erst mal das große ABC gelernt, reichern Jugendliche ihren Wortschatz tagtäglich mit neuen Vokabeln an. Vokabeln, die der Erwachsenenwelt oft verschlossen bleiben – und auch bleiben sollen.

Was zeichnet Jugendsprache aus?

Jugendliche benutzen sie, Experten verschiedener Fachrichtungen erforschen sie: Linguisten, Psychologen, Soziologen und Pädagogen untersuchen den zeitgemäßen Sprachstil der Jugend. Während sich die einen über die Sexualisierung und den Verfall der Sprache ereifern, äußern sich die anderen fasziniert von der Kreativität und Ideenvielfalt der Begrifflichkeiten. So bedeutet „Der Schneckenchecker hat seinem Filet die Stornokarte gezeigt“ übersetzt: „Der Weiberheld hat dem hübschen Mädchen den Laufpass gegeben.“
Ebenso wie es keine einheitliche Jugendsprache gibt, gibt es auch keine einheitlichen Kriterien, was Jugendsprache ausmacht. Oft zeichnet sich Jugendsprache durch Ironie, neue Wortbildungen, Satzverkürzungen und Anglizismen aus. So ist ein „Elefantenrollschuh“ ein kleines Auto, ein „Feinkostgewölbe“ ein dicker Bauch, der „Kampffussel“ ein kleiner, aggressiver Mensch. Mit „Upstyler“ meint man eine modisch gekleidete Person, „cruisen“ steht für ziellos umherfahren, „entschleunigen“ für „die Dinge etwas langsamer angehen lassen“.
Auch Zitate aus Filmen, Serien oder Musiktexten schlagen sich in der Sprache nieder. Neben dieser gesprochenen Sprache offenbart sich Jugendsprache auch in der schriftlichen Kommunikation, in der Art, wie Jugendliche chatten, mailen und SMSen formulieren. Hier zeigt sich, dass eigens codierte Abkürzungen häufig benutzt werden. So steht BD für blöd (gleich brain-dead), KA für keine Ahnung und DVD für Depp vom Dienst.

Jugendsprache als Abgrenzung zur Außenwelt 

Jede Generation hat ihre eigene Sprache. Das ist kein neues Phänomen. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Ausdrücke und Phrasen der deutschen Jugendsprache als kurz und derb beschrieben. Jugendliche wollen provozieren, und sie wollen ihre Grenzen austesten. Gestern wie heute. Ein Mittel dafür ist die Sprache. Gleichzeitig dient sie auch zur Abgrenzung – von Älteren, Jüngeren, aber auch Gleichaltrigen. Mit ihrer Sprache bilden Jugendliche ihre Identität aus und geben an, welcher Gruppe sie angehören und welcher nicht. Und wer dazu gehören darf und wer nicht.

Der erwachsene Umgang mit der Jugendsprache

Erwachsene wie Eltern, Großeltern und Lehrer gehören sicherlich nicht zu diesem inneren Kreis der Teenies. Und sie sollten es gar nicht erst versuchen, sich den vorherrschenden Jugendslang anzueignen. Anders als beabsichtigt, finden die meisten Jugendlichen das nicht cool, sondern ziemlich peinlich. Denn es zeigt: Hier ist ein Erwachsener, der etwas von uns will, der krampfhaft versucht, sich auf eine Stufe mit uns zu stellen. Jugendliche wollen in der Regel aber keine (groß-) elterlichen Kumpel, sondern Respektpersonen und Vorbilder. Also überlegen Sie sich lieber: Welche Begrifflichkeiten möchten Sie in Ihrem Zuhause nicht hören, und wo setzen Sie Ihre Grenzen? Eine mögliche Vereinbarung könnte zum Beispiel sein, dass Sie sich auf eine allgemein verständliche Sprache einigen, die keine anderen Menschen herabwürdigt.

Jugendslang als druckreife Sprache?

Trotz aller Kritik: Die heutige Jugendsprache ist druckreif. Das jedenfalls finden einige Verlage. So veranstaltet PONS zum Beispiel Jahr für Jahr einen Wettbewerb für Schüler der Klassen 5 bis 11. Eingeschickt werden sollen Worte der aktuellen Jugendsprache, die später dann im jährlich aktualisierten Wörterbuch der Jugendsprache aufgenommen werden.
Das Durchforsten eines solchen Wörterbuchs macht schnell deutlich: Besonders kreativ sind Jugendliche für Titulierungen des anderen Geschlechts und sexualisierte Begriffe für das, was man sich mit ihnen gerne vorstellen möchte. Dabei sind „Speichelhockey“ oder „Aalcatchen“ für Zungenkuss noch die harmloseren Bezeichnungen. Daneben sind auch Verstärkungspartikel (wie „echt“), Typologisierungen von Menschen (wie „Tafelglotzer“ für Streber) und Wertungsbegriffe (wie „keimig“ für ekelig, „tight“ für großartig) hoch im Kurs.
Ein letzter Tipp: Widerstehen Sie der Versuchung, diese Vokabeln zu lernen. Denn im realen Leben gehören diese Worte oft schon der Vergangenheit an, sobald sie gedruckt worden sind.

Autorin: Kerstin Brenig, Platinnetz-Redaktion

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